Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-07-12 · Heft 29 (12.7.1858) · p. Seite 397

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 29 (12.7.1858)
Date
1858-07-12
Page
Seite 397 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226093-3226123--17024-3245912
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

397 sachen, die eine solche Ordnung bekunden, nicht von einem Geist Zeugniß ablegen, einen Plan verkünden, und einem im Voraus berechneten Zweck dienen." Ganz in derselben Lage befindet sich der Atheist allen übrigen gesetzmäßigen Naturerscheinungen, z. V. den Thätigkeitsäußerungen der Lust gegenüber, deren Zusammensetzung genau den Zwecken entspricht, denen wir sie dienen sehen; denn ändert man diese Zusammensetzung, so ändert man auch ihr Vermögen als Mittel der Ausdünstung, der Vegetation, der Reinigung, des Athemholens, der Verbindung durch Licht und Schall, und der Verbrennung. Der Atheist muß auch Dies, wie Alles, für einen bloßen Zufall, für die Folge eines zufälligen Zusammenstoßes der Materie erklären. ,,Wenn ich sagen wollte," fährt Parker fort', ,,daß diese Predigt durch den Zusammenstoß der Materie entstanden wäre, daß ich letzten Montag Tinte, Feder und Papier in einen Schreibtisch geschlossen, und heute die Predigt gefunden hätte, die durch den zufälligen Zusammenstoß von Tinte, Feder und Papier entstanden wäre, so würde Jedermann denken, ich sei sehr thöricht. Und dennoch würde ich nicht eine so große Thorheit begehen, als wenn ich sagen wollte, die Zusammensetzung der Luft käme von dem zufälligen Zusammenstoß von Atomen her; denn es erfordert einen größern Geist, um die Lust zusammenzubringen und zusammenzusetzen, welche in einen Fingerhut geht, als alle Predigten und die ganze Literatur der Welt hervorzubringen. Wenn aber etwa der Atheist sagt, in der Materie befinde sich der denkende Geist, welcher die Planeten ordnet, ihre Entfernungen, ihre Umdrehungen, ihre beständigen Thätigkeitsformen regelt; und dieser denkende Geist in der Materie ordne auch die Elemente in der Lust, so daß sie alle die genannten Functionen und noch viele andere verrichten — dann ist er seinem Atheismus untreu, denn er läugnet nicht mehr die Eigenschaften Gottes, sondern nennt sie nur mit anderm Namen." Nach dem Atheismus müßte die Welt ein bloßer Mischmasch von einzelnen Theilen ohne Zusammenhang sein. Ein solcher ist sie aber thatsächlich nicht. Mithin ist die ganze Welt und jeder Theil des Weltalls ein Beweis gegen den Atheismus als Weltanschauung. Der Redner entwirft nun ein Bild davon, wie sich im Auge des Atheisten das menschliche Leben ausnehmen muß. Für ihn gebe es in der Welt keinen selbstbewußten Geist als Menschengeist, und der sei ziemlich klein und unklar. Der Mensch treibe in dem Weltall dahin, und wisse wenig von sich selbst, nicht, woher er gekommen, noch wohin er fahre. Es gebe keinen Geist, keine Vorsehung, keine Macht, die es besser wisse; es gebe Nichts, was den Menschen leite, während er ziellos dahintreibe, Nichts, was die Welt lenke, indem sie sich in der kreisenden Zeit umherwälze. Das ganze Leben habe keinen Zweck. Man sei fröhlich; die Freude sei recht hübsch, aber sie führe zu Nichts. Man sei traurig unv leide, das sei schlimm, aber es stehe mit keinem Plan in Verbindung, der zu ewas Weiierm führen solle. Wenn das Menschenthum gufhöre, und der Leib stch auflöse, so führe dies Alles zu nichts Besserm. Es diene Jemand der Menschheit, und ernte dafür im Leben nur Haß und Verachtung; dagegen sei keine Abhülfe im Tode. Aus dem lebendigen Menschen werde ein todter Leichnam — das sei Alles, was Jemand von seiner Tugend habe. Ein Anderer sei ein tapferer Mann, er gehe in die Schlacht, sterbe den Tod für das Vaterland. Damit sei es mit ihm vorbei. Er sei ein Haufen Staub, den bald anderer Staub bedecken werde, sein Heldenmuth sei dahin, sei Nichts. Zu derselben Zeit sei ein Dritter ein Feigling gewesen; als die Kriegstrompete erklang, sei er hinter den Ofen gekrochen. Nun Alles vorüber, komme er mit heiler Haut wieder hervor, schreite zufrieden und freudig über des Andern unbegrabene Gebeine, und sage: „Ein rechter Thor, sein Leben für mich zu opfern und Nichts dafür zu haben!" Und der Atheist sage, er habe Recht. Nenne man dem Atheisten die Seele, so antworte er: „Sprich mir nicht von Deiner Seele! Ich habe den Menschen mit dem Seciermesser in der Hand und mit dem Mikroskop untersucht, und habe keine Seele gefunden. Der Mensch besteht aus Knochen, Blut, Eingeweiden und Gehirn. Der Geist ist Materie. Zweifelst Du daran? Hier ist Arnold's vollständige Gehirnkarte: da ist keine Seele angegeben, nichts als Nerven!" Nachdem der Redner dieses Bild bis in die einzelsten Züge mit den lebendigsten Farben in seiner ganzen Trostlosigkeit ausgemalt hat, wirft er die Frage auf: ob eine solche Weltanschauung befriedigen könne? Darin, daß sie dies nicht kann, sieht er den Hauptbeweis ihrer Unwahrheit, ihrer Unhaltbarkeit; eine anderweitige, in wissenschaftlicher Form geführte Widerlegung hält er hier nicht für nothwendig. Dagegen werden freilich die Materialisten verächtlich die Achsel zucken, und es nicht als einen Beweis gelten lassen. Aber gleichwohl werden sie die Wirkung einer solchen Beweisführung schwer empfinden; denn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.