Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 29 (12.7.1858)
- Date
- 1858-07-12
- Page
- Seite 396 (sequence 4)
- Language
- German
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396 nach seiner Anficht eine eben so große Unmöglichkeit, als ein Mathematiker, der nicht Zwei zählen könne, oder als ein rundes Viereck, oder als ein dreieckiger Kreis. Parker betrachtet also den philosophischen Atheismus von vorn herein als einen unhaltbaren Jrrthum, als eine Selbsttäuschung. Indem er die Bekenner desselben gegen ihr eigenes Bekenntniß vertheidigt, erklärt er den Inhalt ihres Bekenntnisses für einen Unfinn, für ein Hirngespinst. Was sie vom Gottesbegriff behaupten, behauptet er von ihrer Gottesläugnung. Der angebliche Atheismus ist für Parker theils ein blos formeller, theils ein wesentlicher. Sage Jemand, es sei kein Gott, betrachte aber als die Gesammtsumme alles Seins die Natur, erkenne diese als mächtig, weise und gut, als die Urquelle ihrer selbst und aller Ordnung und Schönheit, aller Harmonie und Zweckmäßigkeit in ihr, so sei die Verneinung Gottes nur eine formelle, keine wesentliche. Alle Eigenschaften Gottes würden zugestanden, nur der Träger derselben nicht Gott, sondern Natur genannt. Das sei ein bloßer Namenwechsel, und ein solcher sei es auch blos, wenn Jemand den Inbegriff der göttlichen Eigenschaften Himmel, Weltall, Materie, Geist, Allah, natura naturans, oder sonst wie nenne. Er könne eine solche Confufion der Begriffe nicht billigen, denn es sei nothwendig, jedes Ding beim rechten Namen zu nennen) gleichwohl stehe er davon ab, mit Gottesläugnern dieser Art wegen des bloßen Namens zu streiten. Seine Polemik richtet stch daher nur gegen den wesentlichen Atheismus. Als solcher gilt ihm die Verläugnung irgend eines Gottes, eine Verläugnung des dem Gottesbegriff Entsprechenden, wie dasselbe auch immer heißen möge, eine Verneinung der Wahrheit aller möglichen Ideen von Gott. Auch dieser wesentliche Atheismus gilt ihm als ein Widerspruch in fich, als keiner konsequenten Ausbildung fähig. Derselbe läugne, daß es überhaupt ein Wesen gebe, welches die Ursache und Vorsehung der Welt sei, und mit Absicht die Ordnung, die Schönheit und die Harmonie derselben mit ihren regelmäßigen Thätigkeitsformen hervorbringe. Wolle aber derselbe consequent sein, so müsse er noch einen Schritt weiter gehen, und läugnen, daß es überhaupt ein Gesetz, eine Ordnung, eine Harmonie und regelmäßige Thätigkeitsformen in der Welt gebe. Wer diese Consequenzen nicht ziehe, sei kein wahrer, kein wirklicher Atheist; wer sie aber ziehe, für den gebe es kein Unendliches, sondern nur endliche Dinge; das Weltall, die sinnliche wie die geistige Welt, sei ihm nur ein endliches Ganzes, das aus endlichen Theilen bestehe; jeder einzelne Theil sei unvollkommen, das Ganze sei unvollständig; das Ganze wie jeder einzelne Theil sei ohne Zweck, ohne Plan, ohne einheitlichen Zusammenhang. Gegen diesen consequent ausgebildeten Atheismus, dem die ertremen Richtungen des modernen Materialismus am nächsten kommen, richtet der Autor seine Polemik, indem er ihn einerseits in seiner wissenschaftlichen Unhaltbarkeit und Trostlosigkeit, andrerseits in seiner Verderblichkeit für die Moral nachweist. Er zeichnet ihn zunächst von Seiten der Art und Weise, wie er die Sinnenwelt auffaßt. Der wirkliche Atheist, sagt er, muß erklären, daß die Materie von Ewigkeit vorhanden, aber ohne Gedanken, ohne Willen ist; er muß von sämmtlichen Daseinsformen behaupten, daß sie rein „zufällig", d. h. durch den zufälligen Zusammenstoß der Materie, die keinen Gedanken oder Willen hat, also ohne Plan, ohne Endzweck, ohne Vorsehung entstanden sind. Wie aber, fragt er nun weiter, entspricht dieser Vorstellung die wirkliche Welt? Sie steht damit .geradezu im Widerspruch. Blicken wir zunächst auf die Welt im Großen, namentlich auf das Sonnensystem, so finden wir hier umgekehrt die entschiedenste Ordnung, Planmäßigkeit, Gesetzmäßigkeit. Die Gesetze, die hier herrschen, sind so bestimmt, daß „ein Astronom, der die Störungen eines entfernten Planeten untersucht, dessen Erscheinungen stch durch die Attraktion ver als vorhanden gekannten Körper nicht erklären lassen, auf das Vorhandensein eines andern Planeten schließt, der die unerklärlichen Erscheinungen veranlaßt. Ja, durch Berechnung bestimmt er seine Stelle und seine Größe, und schließt auf die Thatsache des neuen Planeten, der sich außerhalb des äußersten Ringes des Sonnensystems befindet; in einer bestimmten Stunde wendet er sein Teleskop der berechneten Stelle zu, und zum ersten Mal zeigt fich der Stern Leverriers dem Auge des selbstbewußten Menschen."*) Zu welcher Annahme ist nun der Atheist dem gegenüber genöthigt? Er muß behaupten, daß „diese Gesammtordnung des Sonnensystems durch einen zufälligen Zusammenstoß der Materie hervorgebracht wurde, und von keiner Weltseele, keinem Plan und keinem Endzweck im Weltall zeugt. Das ist thöricht. Man könnte eben so gut das thatfächlich vorhandene Gesetz des Sonnensystems oder das Vorhandensein der Sonne oder seiner selbst in Abrede stellen, als läugnen, daß diese That- *) S. hierüber Ausführlicheres in unfern: „Reden wider dm Unglauben. 1856." Redaction.