Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 29 (12.7.1858)
- Date
- 1858-07-12
- Page
- Seite 395 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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395 müssen, nicht hinter dem Vorwände verstecken, daß sie noch nicht genug civilisirt sind, um sie zu verdienen. Es ist dies eine der glücklichen Erfindungen der Gesetzgeber des vormaligen Herzogthums Warschau. (Von der Zeit der Eristenz dieses Herzogthums datirt der größte Theil der oben erwähnten Uebelstände.) Diese stellten das Princip auf, daß, ehe man den Israeliten eine Erleichterung gewährte, man sie civilifiren müsse. Es war dies ein in der geheimen Absicht erdachtes Mittel, die Emanzipation der Israeliten so lange wie möglich hinauszuschieben, denn Jene sahen voraus, daß die Arbeit der Civilisation lange, sehr lange bei einem Volke währen würde, das man so viele Jahrhunderte unter dem lastenden Drucke von Oppresstvgesetzen gehalten hatte. Man hatte aber die Symptome zu bezeichnen vergessen, nach denen der Fortschritt der Civilisation in der israelitischen Bevölkerung bemessen werden sollte. Die Aufhebung der Beschränkungen wird also bis ans Ende der Zeiten verschoben werden können. — Skizzen über Atheismus, Pantheismus, Deismus und Dogmatismus. I. Wir haben über den Atheismus lange nichts so Treffendes gefunden, als in einem Berichte über den Nordamerikaner Parker in der A. A. Z., welchem wir daher an der Spitze der Reihe von Skizzen, die wir über die obigen Rubriken geben werden, folgende Stellen entnehmen. „Es giebt gegenwärtig", sagt Parker, „manche Philosophen, und zwar ganz ausgezeichnete Männer, die sich selbst in bestimmten Worten Atheisten nennen, und die Wahrheit irgend einer nur möglichen Vorstellung von Gott läugnen. Sie sagen, der Gottesbegriff sei nur ein Einfall der Menschen, unv Gott sei nicht eine Thatsache des Weltalls. Der Mensch habe eine Vorstellung von Gott wie von einem Geist oder von einem Teufel; aber es sei eine reine Grille, Etwas, was er aus seinem Gehirn herausgesponnen, und es sei Nichts in der Welt, was derselben entspricht. Diese Männer wollen Andere nicht kränken. Sie tragen ihre Lehren mit der Ruhe und Bestimmtheit der Philosophie vor, und stellen den Atheismus als ihre Weltanschauung auf. Es ist eine Schlußfolgerung, zu der sie mit Ueberlegung gekommen sind) sie schämen sich derselben nicht, sie verbergen sie nicht; sie prahlen nicht damit. Ich thue diesen Männern kein Unrecht, wenn ich ihnen diesen Namen gebe, denn sie nehmen den Titel Atheisten für sich in Anspruch, und lehren offenkundig den Atheismus. Es sind nicht immer bigotte, sondern philosophische Atheisten. Manche von ihnen sind Männer von hohen Fähigkeiten, Männer von sehr großer geistiger Bildung; sie scheinen wahrheitsliebend und aufrichtig, gewissenhaft, gerecht, menschenfreundlich und bescheiden zu sein; es sind Männer, die ihrer Natur, und zwar ihrer ganzen Natur treu zu sein streben. Ich kenne Einige derselben; sie stehen gewöhnlich auf Seiten des.Menschen im Gegensatz zu den Feinden des Menschen; auf Seiten des Volks im Gegensatz zu seinen Tyrannen; sie stehen, oder meinen es wenigstens, auf Seiten der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe. Ich werde keinen Stein auf diese Männer werfen; ich werde keine Schmähungen gegen sie ausstoßen; sie werden geschmäht genug, ohne daß ich dazu zu thun brauche. Ich fühle große Liebe und sehr großes Mitleid für sie, wofür sie mir nicht danken werden, wie ich glaube. Einige derselben kenne ich persönlich, Andere ihrem Rufe nach, Einzelne aus ihren Schriften. Ich bin der Ansicht, daß sie in ihrem sittlichen und religiösen Wachsthum über sehr vielen Männern stehen, die immer zu Gott sagen: „Ich gehe, Herr", und doch nicht vom Fleck kommen. Es sind Männer, die selbst Opfer gebracht haben, um sich treu zu sein; und ohne es zu wissen, haben sie viel praktische Religiosität, sowohl in der subjektiven Form der Frömmigkeit, als in der objectiven Form persönlicher und socialer Sittlichkeit." Man sieht, die Atheisten dürfen sich ihm gegenüber nicht über Härte, Verketzerungssucht, persönliche Verfolgungssucht rc. beschweren. Er bringt keine unehrlichen Waffen gegen sie in Anwendung, aber er windet hiermit zugleich auch ihnen derartige Waffen aus der Hand; sie werden sich seinen Angriffen gegenüber nicht mit dem Nimbus unschuldig Verfolgter umgeben dürfen. Eher werden sie in die eigenthümliche Lage kommen, sich gegen feine Gerechtigkeit zu wehren. Denn er ist in der That gerechter gegen sie, als sie gegen sich selbst sind. Er erklärt ausdrücklich: er glaube nicht, daß solche Männer wirkliche Atheisten seien, obschon sie sich selbst dafür halten. Wenn Thoren sprechen, es sei kein Gott, so müsse man glauben, daß fie auch so denken; wenn aber ein Philosoph dasselbe sage, so sei anzunehmen, daß er es nicht wirklich denke, sondern nur denke, daß er es denke. Ein philosophischer und konsequenter Atheist sei 29 *