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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-07-05 · Heft 28 (5.7.1858) · p. Seite 389

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 28 (5.7.1858)
Date
1858-07-05
Page
Seite 389 (sequence 11)
Language
German
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389 fern und einseitig, theils fast ganz erschöpft und bereits bis in das weiteste Detail durchgearbeitet worden, sich der me ruhende Geist nach einem Anderen sehnt, nach Dem, was ihn über diese Geisteswüste erhebe. Dann aber ist cs nur gewöhnlich, daß er nicht auf eine wissenschaftliche und philosophische Behandlung geräth, sondern geradezu ins Außerordentliche, ins Wunderbare. Das 17te und die erste Hälfte des 18ten Jahrhunderts war für die Juden — und nicht für diese allein — eine solche Zeit der Geistesdürre. Die einzige Beschäftigung der Geister bestand in der Halacha, in der fortwährenden kasuistischen Behandlung derselben. Es war diese zu einer enormen Gelehrsamkeit, so wie zu einer scharfsinnigen, wir möchten sagen, Zermalmung des Materials geworden, wo das Erhabene und Lächerliche dicht neben einander grenzte. Aber bei aller Anhänglichkeit an dem Gesetze mußten tiefer angelegte Geister sich von diesem ausschließlichen Terrain ihrer Thätigkeit unbefriedigt fühlen, und daher die eigenthümliche Erscheinung, daß sich gerade in dieser Zeit Rabbiner und Masse der sogenannten praktischen Kabbala zuwandten, einer Art Magie, welche durch wunderliche und mannigfaltige Anwendung der heiligen Namen Gottes (Schemoth), auf Pergamentstreifen geschrieben, kleinliche Wunder, namentlich Heilung von Krankheiten, Hebung der Unfruchtbarkeit u. dgl. bewirken wollte, die Zeit der Kamäoth. Für die eigentliche Kabbala, jene philosophische Phantasmagorie, war man zu wenig philosophisch gebildet, von zu geringer metaphysischer Richtung, und man warf sich daher lieber in diesen Pfuhl des Aberglaubens, wo man dieselbe kasuistische Zerzerrung auf magische Formeln, wie in der Halacha auf das Gesetz, anwenden konnte. Aus demselben inneren Motive heraus hatte der inhaltslose und verworrene Sabbathäismus, eine wahre Karrikatur der Messtasidee, selbst im westlichen Europa, trotz der allgemeinen Verurtheilung, eine nicht geringe Anzahl von Anhängern gefunden, so daß der Vorwurf des heimlichen Sabbathäismus eine beliebte Ketzerriecherei geworden. Deshalb konnte ein Frank selbst noch im Herzen Deutschlands seine wunderliche Rolle spielen. Glücklicher Weise trat für die Juden im westlichen Europa mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts jener große Umschwung des Geistes und der socialen Verhältnisse ein, welcher sie vor weiterem geistigen Versinken rettete, während dieselbe Geistesbedürftigkeit in Polen und Rußland den Ursprung des Chassidismus herbeiführte, welcher nichts Anderes als eine systematische Ausführung jener praktischen Kabbala ist, der im Anfang des vorigen Jahrhunderts so viele Juden auch im westlichen Europa anhingen. Einer der glänzendsten Geister jener Zeit, aber ganz ein Sohn dieser Zeit, war R. Jonathan Eibenschützer (geb. 1690, gest. 1764). Großartig in der Kenntniß der Halacha, so wie in der Behandlung derselben nach der Art, wie sie sich damals entwickelt hatte, war er ganz von dem Glauben an Astrologie und Magie erfüllt, kannte die sogenannte Geheimlehre, d. h. nicht die religionsphilosophische Kabbala, sondern die sogenannte praktische, und trieb die Kunst der Kamäoth überall, wohin er kam. Dadurch gab er aber seinen Feinden die willkommene Veranlassung, ihn des Sabbathäismus zu beschuldigen, seinen Gegnern, die etwa nicht frei von jenem Aberglauben waren, sondern jene sogenannte Geheimlehre und ihre Kunst nicht minder unter die Glaubensartikel ihrer Religion versetzten, aber den Jonathan der Anwendung dieser Kunst in sabbathäischer Weise bezüchtigten, um ihn als Ketzer zu verdammen und von der Höhe herunterzustürzen, auf welche ihn seine Zeitgenossen, seiner rabbinischen Gelehrsamkeit und seines strengen Lebenswandels wegen, gestellt hatten. Daher ein furchtbarer Streit, wie ihn jenes Jahrhundert unter den Juden nicht wieder gesehen, und der selbst, was damals etwas Unerhörtes, in die Außenwelt drang. Dieses Schauspiel ist daher so charakteristisch, so denkwürdig für diese Zeit, daß wir es dem Herrn Rabbiner Gutmann Klemperer in Tabor aufrichtigen Dank wissen, der Biographie des R. Jonathan eine besondere Schrift gewidmet zu haben, die mit großem Fleiße Alles zusammengetragen, was über das Leben dieses großen Rabbinen sich irgend vorfindet, und daß wir einen Auszug aus dieser Arbeit des Herrn Klemperer hier zu geben uns gestatten. In dem von jeher an rabbinischen Celebritaten so ergiebigen Polenlande stand auch die Wiege unseres Jonathan, der im Jahre 1690 nach Einigen zu Krakau, nach Andern zu Pinczow, einem Städtchen im jetzigen russischen Gouvernement Radom, das Licht der Welt erblickte und einer durch Gelehrsamkeit ausgezeichneten Familie entstammte. Sein Urgroßvater in männlicher Linie „Nathan Spira" — großer Kabbalist und Verfasser des die Geheimlehre zur Basis habenden, großartigen Werkes „Megalleh Amukoih“ (der Offenbarer tief verborgener Dinge) — war Schulrector zu Krakau gewesen, allwo er 1633, im 48. Lebensjahre gestorben, und an der Seite des Moses Jfferles (ö&n) begraben liegt. Sein Großvater von mütterlicher 28**

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