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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-07-05 · Heft 28 (5.7.1858) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 28 (5.7.1858)
Date
1858-07-05
Page
Seite 380 (sequence 2)
Language
German
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380 Discussion etwas in Furcht gerieth. Als einer der deutschen Reisegefährten einfach sagte: „Nun, so werden wir Deutsche.marschiren", — sprang der Däne mit geballten Fäusten in die Höhe, daß ich glaubte, er wolle sofort an seinem Gegner die Wehrkraft seiner Nation bethätigen, und wunderte er sich gar sehr, daß man mit einem Manne, der so Etwas ausspräche, überhaupt noch sich unterhalten könne. Der dänische Israelit ist von demselben unseligen Hasse gegen das Deutschthum beseelt, wie jeder andere Nationaldäne, und es hält schwer, ihm ein deutsches Werk, selbst von jüdisch religiösem Inhalte, in die Hände zu bringen. Mag dies auch in dem jetzt obschwebenden concreten Verhältniß überhaupt zu bedauern sein, so ist doch sicherlich diese Erscheinung an dem dänischen Juden, in seinen Gefühlen und Anschauungen so ganz mit dem Volke und Staate, dessen Glied er ist, verwachsen und verschmolzen zu sein, höchst erfreulich, und ein abermaliger Beweis gegen die immer wiederholten Insinuationen unsrer Gegner. Ein Gleiches in seiner Art fand ich bei dem schwedischen Israeliten. Der Schwede ist in seiner Erscheinung ruhiger, gemessener, ob auch aus seinem Auge Intelligenz und Lebhaftigkeit herausschauen und ihre Blitze werfen. Das Gespräch kam auf die ständische Verfassung der Schweden und einer der Anwesenden fand dieselbe veraltet, zurückgeblieben. Auch vom konservativen Standpunkte aus könne man diese vollständige Trennung der vier Stände, ihre gesonderte Berathung und Abstimmung, so daß ein Stand die Annahme eines Gesetzes durch seine Majorität verhindern könne, selbst wenn, wären die Stände vereinigt, nach der Zahl sämmtlicher Ständeglieder eine enorme Majorität für das Gesetz wäre, nicht billigen und man könnte denn auch in den Ergebnissen der letzten Ständeversammlung die traurigen Resultate nach den entgegengesetztesten Richtungen, z. B. in der Frage über die Gewissensfreiheit und über die Eisenbahnen, nicht verkennen. Mein schwedischer Jude blieb zwar in seiner Haltung ruhig, aber wie energisch vertheidigle er die Verfassung seines Vaterlandes, wie scharfsinnig hob er die charakteristischen Momente desselben hervor, welche für eine solche und keine andere Verfassung sprächen, wie geschickt stellte er jede Schwäche in den Behauptungen seines Gegners heraus, um jenes Urtheil zu beseitigen. . Mit einem Worte, er liebte sein -Vaterland schwärmerisch, und hing dessen Ehre mit ganzem Herzen an, war auch nicht im Geringsten betroffen, als man ihm die Benachtheiligung entgegenhielt, in welcher sich die Juden in Schweden noch befinden, indem er behauptete (ob mit Recht?), daß diese nur noch aus reiner Zufälligkeit bestehen geblieben und im wirklichen Leben gar nicht verspürbar wäre. Würden doch gebildete Israeliten z. B. gern zum Lehramte verwendet, wovon er mir einige Beispiele aufführte, während dies auf dem Continente an so vielen Orten trotz geschriebenen Verfassungen noch nicht geduldet würde. Kurz, ich hatte hier dieselbe Erscheinung vor mir, einen schwedischen Juden, der Schwede durch und durch, jeder Zoll ein Schwede, und in seiner ganzen Haltung von schwedischer Nationalität. Eine viel traurigere Wahrnehmung hatte ich an dem Holsteiner (christlicher Confession) zu machen. Ich sah hier jenes Stück deutscher Geschichte lebendig vor mir, was nun schon so oft gespielt hat: daß das deutsche Reich große Theile seiner an den Grenzen seßhaften Kinder von den benachbarten Nationen sich hat entreißen lassen, zu schwach war, fie zu vertheidigen und sie wieder zu sich zurückzurufen, und daß diese Deutschen nach und nach so entdeutscht wurden, und in dem Zurücksall an Deutschland ihr Heil zu erblicken so sehr verlernten, daß sie vielmehr die Waffen gegen Deutschland selbst ergreifen würden und ergriffen haben. Ist es nicht so mit dem Elsaß geschehen? Ist dies nicht der Fall mit den russischen Ostseeprovinzen? Hat nicht Deutschland in der Schweiz einen seiner markigsten Stämme verloren, wenn dieser auch seine Selbstständigkeit sich zu wahren wußte? Und gleichem Schicksale geht auch Holstein entgegen. Wenigstens behauptete mein Holsteiner Mitreisender, daß seit 1848 ein großer Umschwung in der holsteinischen Masse vor sich gegangen, daß der eigentliche Bürger- und Bauernstand durchaus nicht mehr jene Feindseligkeit gegen die Dänen theile, welche die in der holsteinischen Ständeversammlung vertretene Aristokratie hege, daß jener viel lieber die freie dänische Staatsverfassung, als die feudalistischen Stände haben möge, und daß man auf keine Hülse von Deutschland aus rechne. Wie gesagt, man konnte leicht erkennen, daß hier die alte Geschichte sich erneue, und ein deutscher Grenzstamm einer fremden Nation anhennfalle, so sehr, daß er nach und nach Deutschland als Fremdland anzusehen lerne. Diese Beobachtungen, die allerdings bei mir nur eine Erneuerung alter Erfahrungen waren, die ich auf meinen Reisen durch fremde Länder oft genug gemacht — denn nicht minder war mir immer der geborene englische Jude als Stockengländer, der französische Jude als vollgültiger Franzose, der holländische Jude als achter Holländer er-

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