Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 27 (28.6.1858)
- Date
- 1858-06-28
- Page
- Seite 375 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226093-3226121--16998-3245884- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
375 dischen Gemeinden ein reger Sinn für die Wohltharen der Verbesserung des Unterrichtes kund. An der Pefther katholischen Präparandie befanden sich am Schluffe des vorigen Jahres 32 israelitische Lehramtskandidaten, für diese sind an freiwilligen Beiträgen als Unterstützung von den verschiedenen Cultusgemeinden des Ofener Verwaltungsgebietes 695 Fl. eingesioffen. Mehrere israelitische Cultusgemeinden haben sich zur Fondation von Jahrcsstipendien verpflichtet. Der dreiclassigen Schule zu K. Nyek wurde von der Statthalterei zu Ofen das Oeffentlichkeitsrecht verliehen. — „Die Zeiten ändern sich und wir in ihnen." Auch im Lager der viel verhöhnten und gelästerten Chassidim beginnt der Geist der Reform sich zu regen. Eine Fraction dieser Secte in einer großen Gemeinde führte in der Thal den löblichen Entschluß : dem Geiste der Zeit Rechnung zu tragen und — dem reinen Mosaismus näher zu kommen, aus. Es hat nämlich jede Partei von ihnen ein Verzeichniß der Sterbetage ihrer renommirteften Heiligen und begehen dieselben, nach ihrer Weise, als Tage besonderer Trauer. Nun hat diese Fraction auch Moses ein Ehrendiplom ausgefertigt, welches ihn berechtigt, am 7. Adar, seinem Sterbetage, wie jeder „güte Jüd" auf eine besondere Trauerfeier Anspruch zu machen. Der beiläufige Wortlaut dieses Diploms wurde uns wie folgt angegeben: ymn ,tnH5 p hffia iwani winpm -ronn “vnisn ,dinrn ii8 't ria indessen wollen wir dieses hingestellt sein lassen; die Thatsache jedoch wird uns verbürgt. Ob Moses diese Gesellschaft wohl behagen wird? Stieg nun diese Fraction in ihrer Reform bis hinauf zum 31. V. deS 14. Cap. im 2. B. M.: „und sie glaubten .... an Moses seinen Diener", so stiegen die Mitglieder einer andern Abthcilung noch weiter hinauf bis zum 36. V. des 12. Cap. desselben B. M.: „und sie leerten aus" — Aegypten? nein, sondern — die Kisten und Kasten eines Juden in Neu-Sandec. Es ist nämlich bei den Chassidim herkömmliche Sitte, die Feiertage in dem Orte und der nächsten Nähe des „Rebbi" zuzubringen. Die vorzüglichsten Wallfahrtsorte für Westgalizien waren seit Jahren Wielopole und Sandec; seit aber der heilige Mann vom ersten Orte gestorben, „ging das Volk bis zu dem Einen nach Dan", 1. Kön. 12, 30. Es dürfte daher nicht übertrieben sein, wenn man versichert, daß Sandec am jüngsten Schabuothfeste nicht weniger als 3000 chassidischc Wallfahrer beherbergt habe. Viele der israelitischen Bewohner dieser Stadt gaben bei dieser Gelegenheit die schönsten Beweise von Freundschaft, indem sie, sich und ihre Familie auf den engsten Raum beschränkend, ihre ganze Behausung den Gästen zur Disposition stellten; in dem Hause eines solchen Gastfceundes sollen sich bei 30 Personen einquartiert haben. Leider war diesem braven Manne für seine bereitwillige Aufnahme schlechter Dank. Eines Morgens , als die vielen fremden Vögel das ihnen so entgegenkommend eingeräumte Nest verlassen hatten, machte der Hausherr die schmerzliche Entdeckung, daß er gründlich bestohlen worden, alle Kästen und Behälter werthvoller Gegenstände waren leer! — Daß der heilige Mann bei diesem skandalösen, die ganze Secte blamirenden Ereignisse irgend ein Wunder gethan, daß er z. B. in trautem Cirkel hoher, höherer oder höchster himmlischer Wesen die Namen der Diebe erfahren, daß er die Hände dieser Frevler verdorren gemacht oder daß auf sein Geheiß das Gestohlene sich jedem Diebe an die Nasenspitze angehängt hätte, haben wir nicht in Erfahrung bringen können, wir erfuhren blos, daß er unmittelbar nach dieser Thal eine Reise nach dem Kaiserbade in Ofen angetreten. ES ist auch sehr natürlich; solche Schrecken dringen durch Mark und Bein. Die schreckliche Wahrnehmung, daß sich unter seinen Schafen auch recht viel« Wölfe und Füchse befinden und die noch schrecklichere Gewißheit, daß trotz dem ausdrücklichen Gebote: „und sie sollen nicht leer erscheinen vor meinem Angesichte", nicht alle seine Getreuen kommen, um zu geben, sondern auch Viele, um zu nehmen; diese schrecklichsten der Schrecken sind ihm in die Beine gefahren. Ob er dort sich schröpfen läßt oder Andere schröpft, werden wir vielleicht später erfahren; vor einigen Jahren soll er in Pesth goldene Geschäfte gemacht haben. Zum Schlüsse noch die Vielen gewiß angenehme Mittheilung, daß^ wie wir so eben aus Wien vernehmen , I. Wertheimer's Jahrbuch für Israeliten pro 5619 bereits die Presse verlassen hat. Welchen Beifalles sich dieses Buch erfreut, beweist der Umstand, daß eS mit einer Auflage von 1200 Exemplaren seine Carrisre begonnen, im neuesten Jahrgange bereits auf 4000 gebracht hat; es bewährt sich also 27**