Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 27 (28.6.1858)
- Date
- 1858-06-28
- Page
- Seite 371 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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371 rend oft das Haus selbst verfällt. — Das Argument, daß bald die Juden alle Häuser besitzen würden, ist ein leerer Spuk, kann nur für Denjenigen etwas gelten, der da glaubt, daß eine Stadt nicht in dem Zusammenfluß von Handel, Kunst und Gewerbsteiß, sondern in den gemauerten Häusern besteht. — Falsche volkswirtschaftliche Begriffe haben überhaupt manches Vorurtheil gegen uns hervorgebracht. — In kleineren Städten giebt es Häuser mit Aeckern verbunden, und wäre ich geneigt, darin eine kleine Schule für den Juden als künftigen Ackersmann zu sehen. — In Betreff des Ländlichen Besitzes würde gewiß mancher Jude dem Ackerbau sich hingeben, wenn er in dieser Hinsicht nicht beschränkt wäre. — Die bisherigen Rechte sind wegen der sehr schweren Bedingungen als solche nicht zu betrachten; denn Bedingungen wie diese, Laß er abgeholztes Land selbst abroden und urbar machen müsse, und daß er dazu keinen christlichen Gehülsen nehmen darf, oder daß es eine Colonie von 10 jüdischen Familien zusammen sein müsse, müssen die Ausübung des Rechts in der Wirklichkeit meist unmöglich machen. — Bei einem Volke, das man zum Ackerbau aufmuntern will, sollten kleinliche Befürchtungen dem höhern Zwecke nothwendig weichen. — Warum man aber Juden Güterpachtungen erschwert und ihnen dabei eine besondere Abgabe vom Spiritusbrennen auflegt, ist wahrlich nicht zu begreifen. — Meines Wissens sind jüdische Pächter immer gute, arbeitsame Landwirthe. — Daß man den Juden das Schankrecht auf Dörfern abgenommen, war gewiß ein Mißgriff; man schob auf sie die unliebsame Schuld des Trinkens, aber die Erfahrung hat anders gelehrt.— Ein gesunder Kopf hat richtig bemerkt, daß man auf diese Weise einige und zwanzig Tausend jüdische Familien verarmen ließ, und eben so viele christliche dem Landbau entzogen; ich würde noch hinzugeben, daß man sehr viele Juden vom Ackerbau abwendete, denn ländliche Lust und ländliche Sitten sind die beste Vorbereitung zu diesem Stande. — Die Juden sind auch von städtischen Brauereien und vom Spiritushandel entfernt worden, welche Rechte sie früher besaßen. — Der Spiritus ist jetzt sogar ein Gegenstand des Ausfuhrhandels geworden, und leiden die Producenten selbst unter dieser unerklärlichen Befchränkung. — Es dürste hier am Platze sein, auch den Militairdienst zu berühren; wenn wir schon jetzt zur Linie zugelassen werden, so mögen uns noch die niedrigen Militairgrade offen stehen; möge mit der Bildungsschule des Milirairs auch das Bewußtsein, daß das Verdienst anerkannt wird, geweckt werden, — gewiß, es giebt kein besseres Mittel, das Gefühl für Land und Kaiser anzuregen. — Ich habe hier Dasjenige angedeutet, was dringend der Abhülfe bedarf, was uns keine Gerechtigkeit versagen dürfte, was mit politischen Rechten durchaus nichts zu schaffen hat. — Mäßig sind die Wünsche, Alle sind wir von den loyalsten Gefühlen für unfern Monarchen beseelt, dessen weise Negierung schon so große Resultate in so kurzer Zeit hervorgebracht. — Seine Weisheit und Gerechtigkeitsliebe wird mehr thun, als wir auszusprechen wagen. — Literarischer Wochenbericht. Neustadt bei Pinne, im Juni. So eben bringt No. 25. d. Ztg. ein ausführlich Referat über den Werth der in einem Prospect angekündigten Uebersetzung der Hagadoth des „En-Jakob", wo mit sehr richtigem Tacte das Unzeitgemäße und Unzweckmäßige derselben nachgewiesen wird, das in der treffenden Bemerkung des Dr. Philippson noch seine Ergänzung findet. Wenn ich mit beiden Herren, besonders mit der Ansicht des Letztem als vollständig einverstanden mich erkläre, so gehe ich einen Schritt weiter und werfe, abgesehen von jeglichem Tadel oder jeglicher Lobeserhebung der Arbeit, selbst die Frage auf: dürfen oder sollen wir die in den Hagadolh enthaltenen Lehren dem größten Theil des Publikums, der des Hebräischen unkundig ist, zugänglich machen? Diese Frage, wie unwichtig sie auch scheint, war schon der Gegenstand der Erörterung unter den Amoraim (siehe bei mir: Hagada), wo die Einen dafür uno die Andern dagegen sich aussprachen. Viel schärfer wurde dieser Streit unter den jüdischen Gelehrten im Mittelalter, besonders auf spanischem Boden geführt, von denen eine Partei die Hagadoth als den Quell aller Weisheit nachzuweisen sich bemühte, während die andere sie ganz weggewünscht hätte und nichts daran des Wissens werth hielt. Doch unsere Zeit duldet keine Geheimnisse mehr, Alles soll entdeckt und Jedem zugänglich daliegen, daher sollte es mich wundern, wenn uns Jemand auf obige Frage mir nichts dir nichts ein „Nein" entgegensetzte. Zumal man von fast allen Seiten gern zugiebt, daß in den Hagadolh die