Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 27 (28.6.1858)
- Date
- 1858-06-28
- Page
- Seite 367 (sequence 3)
- Language
- German
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367 lisation zuführen, aber dabei me nach den großen Principien der Civilisation verfuhr. — Wie großartig steht nicht die Idee unseres (ich spreche es ohne Heuchelei aus) wahrhaft verehrten Monarchen da, die Bauern zu emancipiren. — Da wird nicht überstürzt, aber auch nicht gesäumt, nichts auf den Weg der Kleinlichkeitskrämerei geschoben. — Das Princip ist ausgesprochen, die Ausführung wird überwacht, das Gesetz wird zum Heil Aller der e^ecutiven Behörde fertig übergeben werden. — In unserem engeren Vaterlande bildet die Büreaukratie eine besondere Macht; sie gab sich lange Zeit die Miene, als repräsentire sie die Nationalität Polens. — Es gehört nicht hierher, sich eines Weitern hierüber auszulaffen; aber daß die Juden nicht besser gestellt sind, haben sie großentheils dieser Macht zu verdanken. — Wird eine Idee von oben herunter angeregten Betreff unser, was wird da nicht gehandelt und gemakelt! — So sprach der hochselige Kaiser Nikolaus aus, daß die Fleischabgabe der Juden eine Religionsabgabe und ungerecht sei, — man möge die Mittel angeben, wie sie abzuschaffen wäre, — statt dies zu erfüllen, wird nachgewiesen, wann sie eigentlich entstanden, wie sehr die Landeskasse, daran gewöhnt, derer bedürfe, und zuletzt in Aussicht gestellt, daß bei der allgemeinen Aenderung des Abgabensystems (man weiß, wie lange so Etwas dauern muß) berücksichtigt werden wird, in wie fern ein Theil der Fleischabgabe zu Gunsten der jüdischen Gemeinden verwendet werden kann. — Endlich, um doch Etwas zu thun, werden ausgediente jüdische Militairs und gewisse Colonisten, nicht alle, von der Abgabe befreit. — Ist dies Alles dem Ausspruch des Kaisers entsprechend? — Dürfen wir etwa glauben, daß der Jude, auch der verkümmertste, es bei der Frage um sein freies Umzugs¬ und Wohnungsrecht mit Gleichgültigkeit hört, wie man ihm nach 40jährigen Beschränkungen endlich in Berücksichtigung der gleichen Lasten mit den Christen und der militairischen Dienstleistung in einigen Straßen Warschaus statt drei, nun fünf Wohnungen freigiebt, und in Provinzialstädten das Wohnungsrecht an Bedingungen knüpft, die es den Wenigsten zugänglich macht? — Man glaub« nur nicht, daß der Jude, selbst der bärtige, der sogenannte uncivilisirte, nichts von Dergleichen versteht, — o, er kennt das Menschenrecht, es ist in seinem Buch, in der Bibel deutlich genug ausgeprägt, und ich wage es zu behaupten, wenn er sich der neuen Civilisation fern hält, so geschieht dies meist deshalb, weil er steht, welche Gaben sie ihm bisher gebracht. — Betrachten wir diese Gaben. — Wohl war er in vorigen Jahrhunderten zurückgestellt, bisweilen mißhandelt, aber in gewisser Hinsicht theilte er die Beschränkungen hier zu Laude mit allen Nichtadeligen, kraft der Verfassung des Landes, theils mußte er sich städtische Gemeinde-Privilegien gefallen lassen, die nach damaligen Begriffen noch zu Recht bestanden, und übrigens war er auch in andern Ländern nicht besser gestellt; aber sonst war er in vielen Punkten weit freier. — Kaum brach das große Jahrhundert herein, sogleich wurde er vom Schankrecht verdrängt, und dadurch viele tausend Familien an den Bettelstab gebracht; das Fleisch, die nothwendigste Speise für den Nordländer, wurde besteuert, das Recht, hier und da zu wohnen, mit Diesem und Jenem zu handeln, beschränkt, in Gewerbsinnungen durch gewisse Vorrechte der andern Mitglieder beengt, hebräische Bücher durfte er vom Auslande nicht einführen, in Gemeindeangelegenheiten unter die Vormundschaft von Beamten gestellt u. s. w., und das Alles im Namen der Civilisation; und nun denken wir uns die Ausführung dieser Beschränkungen durch die Unterbehörden. — Es ist nicht zu verwundern, wenn der Jude hier vor der Fahne der Civilisation, die man vor jedem Beschränkungsgesetz voranträgt, zuweilen scheu zurücktritt. — Ob er aber wirklich so weit von der Civilisation zurücksteht, wie man gewöhnlich zu schildern pstegt, ist eine andere Frage, in die wir hier nicht eingehen. wollen. — Wir wollen hier nur sagen, daß die Gesetzgebung eine ganze, auf großen Principien beruhende sein müsse, und um so mehr, wenn es wahr ist, daß die bisherige so wenig gefruchtet. — Man nennt die Statistik, nämlich die arithmetische, in der so stark jetzt in Europa gearbeitet wird, eine junge Wissenschaft, beklagt es vielfach, daß sie früher so vernachlässigt oder gar nicht gekannt war. — Ich meinentheils glaube, daß es zum Glück der Menschheit geschah, wenn man diesen Zweig früher nicht Pflegte, — große Principien wußten erst festgestellt, Wahrheiten anerkannt und ins Leben, in die allgemeine Ueberzeugung eingeführt werden, bevor man dazu schritt, die Menschheit arithmetisch zu behandeln. — Ja, mit Liebe müssen die Menschen gezählt werden wie Menschen, nicht wie Schafe. — Oder glaubt Ihr, wenn Brougham anstatt nach Principien zu kämpfen, sich bei der Negersrage in Ziffern einließe, er je ihre Emancipation erkämpft hätte? — Bei uns hat man in jüngster Zeit, um recht wissenschaftlich zu scheinen, angesangen, die Juden statistisch zu 27*