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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-06-21 · Heft 26 (21.6.1858) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 26 (21.6.1858)
Date
1858-06-21
Page
Seite 356 (sequence 6)
Language
German
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356 Vom Harz, im Juni. (Privatmitth.) Die letzten Maßnahmen in Kurhessen und die von dm Zeitungen als jenen zu Grunde liegende veröffentlichte Eingabe sind in diesen Blättern bereits mehrfach besprochen worden. Bei der Wichtigkeit des Gegenstandes, da wir eS unmöglich schweigend mit ansehen können, wie in irgend einem Theile unsres großen Vaterlandes eine unbegrenzte Verfolgungssucht wieder ih^ Haupt erhebt und maßlose Verleumdungen über uns ausgeschüttet werden, gestatten Sie mir wohl, noch einige Bemerkungen hinzuzufügen, die ich um so eher zu machen berechtigt bin, als ich jenen Landstrichen nicht fremd bin. Zwar hätten die kurhessischen Juden selbst vor Gott und Welt gegen solche Anschuldigungen zu protestiren die Verpflichtung gehabt; allein in solchen Dingen und der gegenwärtig überhandnehmenden Verketzerungssucht gegenüber ist die Pflicht eine solidarische und Niemand darf schweigen, der etwas zur Bekämpfung der Intoleranz beizutragen vermag. Der Verfasser jener Eingabe sagt zuerst: die Juden übten nachtheiligen Einfluß auf die öffentliche Moral und insbesondere auf das Christenthum; die Landleute lernten die Sprache und Kniffe der Juden. Hiergegen läßt sich Gottlob! historisch und statistisch Nachweisen, daß der Jude täglich mehr Sittlichkeit und Moral bekundet, als alle jene verknöcherten und mit den abscheulichsten Vorurtheilen behafteten Judenfeinde in Kurhessen, und was die hier gemeinten Landleute anlangt , so sehen und lernen die Juden leider mehr Schlauheit und Unsitllichkeit von diesen, als eS umgekehrt der Fall ist; denn bei den Juden herrscht Gottlob! noch alte Sitte, alte Zucht, alte angestammte Barmherzigkeit und Menschenliebe, die durch den erlittenen Druck nur noch fester geworden sind, während in der Bauernwelt mit deren materieller Hebung und hauptsächlich durch gewisse andere Kundgebungen, die der Jude aber nicht berühren darf, Sittlichkeit, Einfachheit und Treue täglich mehr schwinden. Wo finden wir die unglücklichen Ehen, wo die unehelichen Kinder? Giebt es doch ganze Bauerndörfer, wo es eine Seltenheit ist, wenn ein Mädchen als Jungfrau vor den Traualtar tritt! Gilt doch da der Grundsatz: uneheliche Kinder schaden nicht, denn da hat das junge Ehepaar gleich Hülse! — Wenn ferner der Verfasser jener Eingabe behauptet, die jüdische Herrschaft hindere die christlichen Dienstboten im kirchlichen Leben, so ist dies eine der frechsten Behauptungen. Jeder ehrliche und rechtschaffene Christ kann es heilig bezeugen, daß das christliche Gesinde in jüdischen Häusern mindestens eben so ehrbar behandelt, zur Treue und Sittlichkeit, zu einfachem Sinne und geradezu noch mehr zur Kirchlichkeit angehalten werde, als von seiner christlichen Herrschaft. Eine zu plumpe und freche Behauptung enthält diese Klage, um noch mehr Worte darüber zu verlieren. Der Jude spottet nicht über Das, was andern Glaubensgenossen heilig ist, er dankt still und innig seinem Gotte und seinem Fürsten, wenn er nur in seinem Glauben nicht gestört wird. Das Judenthum tritt niemals, weder auf der Kanzel, noch im Lehrsaal als Polemik auf gegen andere Religionen, es huldigt nicht dem Grundsatz: wer nicht für mich ist, ist wider mich; denn es hat und fühlt seinen Halt in sich selbst, nicht in der Negation abweichender Meinungen, es hat sich bisher ourch und in sich selbst bewährt, unter allen Zonen und durch alle bisherigen EntwickelungSphasen. Ueber die Zeiten sind wir endlich, dem Himmel sei Dank, auch hinaus, wo man den Pöbel aufreizt durch die falsche Beschuldigung, daß die Juden das Abendmahl verspotteten. Diese Mittelchen helfen nicht mehr! So niedrig steht es Gottlob! nicht mehr in Israels Wohnungen! Man sehe nur, wie Gemeinden von oft nicht mehr als 10 —15 Mitgliedern und darunter kaum 5 — 6 contributionSfähige, ihre Synägoge, Schule und alle gemeinheitlichen Erfordernisse ehrbarlich bestreiten. Manches reiche Bauerndorf muß vor solcher Wahrnehmung beschämt zurückstehen. — Die mitleidige Seele des frommen Verfassers der Eingabe wird nun endlich davon gerührt, daß die Verarmung der Christen durch den Umstand herbeigeführt werde, weil die Juden auf dem platten Lande die alleinigen Inhaber des baaren Geldes wären (und dem wahrscheinlich sich oft in Geldverlegenheit befundenen Petenten nicht häufig genug aus der Roth geholfen haben, — Alles schon dagewesen —). Nun ist es aber eine Thatsache, daß der Bauernstand seit 20 Jahren in Kurhessen wie in den übrigen deutschen Staaten an Wohlstand täglich zugenommen; der Jude trägt seinen Reichthum immer auf flacher Hand mit sich, er verwerkhet ihn zum Nutzen des Staates und aller Classen der Bevölkerung; der Bauer hingegen sammelt und geizt zusammen ohne

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