Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 25 (14.6.1858)
- Date
- 1858-06-14
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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345 muß daher die Erklärung abgeben, daß der Correspondent meinen Unterrichtsgang am Gymnasium entweder gar nicht kennt, oder, was noch schlimmer, nicht kennen will. Denn wenn es auch wahr ist, daß ich in die unterste Classe des Gymnasiums so manchen Schüler bekomme, der mit vieler Mühe nur Hebräisch lesen kann, so ist eS andererseits doch auch wahr, daß kein Schüler in die höhere Classe aufsteigt, der diese Schwierigkeit nicht schon überwunden hat. Ich bediene mich hierzu eines ganz einfachen Verfahrens. Sobald ich den einen oder den andern Schüler in der Vorbereitung zu schwach finde, werden die Eltern hiervon verständigt und ermahnt, ihrem Kinde einen Correpetitor fürs Hebräische zu nehmen und so lange zu halten, bis das Kind im Stande ist, gleichen Schritt mit den andern Schülern zu gehen. Und ich muß sagen, größtentheils wird dieser Ermahnung von Seiten der Eltern auch willig Folge geleistet, da man bereits genugsam überzeugt ist, daß ich im Weigerungsfälle ohne Rücksicht die Tadelsnote ins Zeugniß schreibe und daß mit einer schlechten Note aus der Religion kein Schüler in eine höhere Classe aufsteigen darf. Als Beweis aber, daß wir am hiesigen Gymnasium nicht nur mit keinem Surrogate für die Sprache Mosis und der Propheten uns begnügen, sondern gerade in diesem Religionszweige Gründliches und Ersprießliches leisten, führe ich an, daß in meiner zweiten Abthcilung, bestehend auS der 3. und 4. Gymnasial-Classe, schon kein einziger Schüler zu finden ist, der nicht bei einem vorkommenden Verbum, wenn dies nicht allzu schwierig ist, die Radir anzugeben im Stande ist; der nicht mit der Conjugation des verbum reguläre et äsleclivum vollkommen vertraut ist, der nicht ferner die historischen Theile der heiligen Schrift mit sehr geringer Anleitung übersehen kann und der endlich nicht die hochpoetischen Stücke in den fünf Büchern Mosis und inden ersten Propheten nach gegebener Anleitung Und Erklärung gründlich zu erfassen im Stande ist. Ferner, daß in meiner dritten Abtheilung, bestehend aus der 4. Classe des Obergymnastums, abwechselnd die schönsten Reden aus JesaiaS und Jeremias, die Elegien des Jeremias und die schönsten und wichtigsten Psalmen genommen und nicht blos oberflächlich nach irgend einer Uebersetzung, sondern nach kritischphilologischer Abwägung der verschiedenen Erklärungsweisen durchgegangen werden, wozu die eifrigen jungen Leute selbst nicht selten Belege auS der heil. Schrift und interessante Vergleiche mit dem römischen und griechischen Sprachgenius herbeibringen. Möglich aber ist es, daß der Herr Correspondent selbst blos die ins Gymnasium eintretenden Schüler gemeint habe, und nur von der epigrammatischen Kürze verleitet, etwas allzu dunkel in seinem Ausdrucke geworden. Wenn dies der Fall ist, so stimme ich seiner Klage nicht nur vollkommen bei (denn wirklich ist bisher für die hiesigen Volksschulen gar kein israelitischer Religionsunterricht angeordnet), sondern ich füge noch hinzu, daß ich selbst schon zu wiederholten Malen bei der hohen Behörde auf den gänzlichen Mangel eines Religionsunterrichtes in den Volksschulen und auf -die daraus erfließenden Fehler hingewiesen habe und daß ich begründete Hoffnung habe, es werden meine Bemühungen nicht ohne Erfolg bleiben. So z. B. müssen schon im laufenden Jahre die israelitischen Schüler und Schülerinnen, welche die evangelische Schule hier besuchen, aus der Religionslehre bei mir einer Prüfung sich unterziehen, widrigenfalls sie kein Zeugniß bekommen dürfen. -Eben so lassen manche Anordnungen des hiesigen israelitischen Cultusvorstandes vermuthen, daß die Cultusgenoffenschaft selbst, wenn auch nicht eine Volksschule, doch wenigstens eine Religionsschule zu errichten gesonnen sei. Wir wollen hoffen, daß dem allseits gefühlten Mangel auf irgend eine Weise bald Abhülfe geschehen werde. M. Stößel, israelitischer Religions-Professor. Prag, 2. Juni. (Privatmitth.) Das vor einiger Zeit erst eröffnete, bisher einzig in seiner Art dastehende Institut, „die Babelte Edle von Lämelsche Alterversorgungsanstalt", erfreut sich einer allgemeinen Theilnahme; wer etwas zu testiren, und für seine Verlaffenschaft nur lachende Erben in Aussicht hat, sucht seine Mobilien und Immobilien dort anzulegen und mit besonderer Berücksichtigung feiner armen Verwandten Stiftungsplätze zu gründen, was die Stifter (als Repräsentant Herr Leopold Ritter von Lämel, dessen Stellvertreter sein Schwager Herr Herrmann Wiener, im Einverständniß mit den andern Geschwistern) auch bereitwilligst gestatten. So sind bereits die Aron und Rebeka EdeleS'schen Eheleute als Vorbild vorangegangen, und habender Anstalt zu einem solchen Zwecke mit ihrem sämmtlichen 25