Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 24 (7.6.1858)
- Date
- 1858-06-07
- Page
- Seite 331 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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331 wurde in der jüngsten Zeit die erwähnte Hauptschule für Knaben nicht nur nach den neuesten Anforderungen der Zeit und den neuesten gesetzlichen Bestimmungen reorganisirt, sondern auch erweitert, so daß sie nunmehr auch eine zweiclafstge Unterrealschule, der sich hoffentlich noch ein dritter Jahrgang in Bälde anschließen dürfte, bildet. Es ließen nur noch die Localverhältnisse, besonders der erstgenannten Mädchenhauptschule, zur gänzlichen Befriedigung aller gehegten Erwartungen noch Vieles zu wünschen übrig, indem für diese bisher nur gemiethete Locale benutzt werden mußten (für die Knabenschule besteht ein eigenes Communalgebäude, das aber auch dem Zwecke nicht ganz entspricht), welche dem Zwecke fast niemals vollkommen entsprechen konnten. Und wir begegnen hier nun wieder der unermüdeten rastlosen Thätigkeit des Herrn Moses Hirschl, dessen eifrigem Streben eS gelungen, auch diesem Uebelstande abzuhelfen und der Gemeinde den Bau eines neuen Schulhauses zu ermöglichen, indem durch seine Bemühungen der hochherzige Herr Baron von Sina einen Bauplatz hierzu der hiesigen Eultusgemeinde schenkte. Wir nehmen von diesem Ereigniß um so vergnügter Anlaß, es in die Ocffentlichkeit zu bringen, indem es uns erstens einen neuen Beweis giebt, daß der wahre Menschenfreunv bei seinen humanistischen Bestrebungen keinen Unterschied des Religionsbekenntnisses kennt, sondern die Interessen der Menschheit ohne alle Rücksichten zu fördern bemüht ist und gern hilft, wo er helfen kann. Zweitens zeigt eS uns, was der gute Wille eines Menschen zu leisten im Stande ist, dem das Wohl seiner Mitbrüder, ernst am Herzen liegt. — Daß aber auch die hiesige Gemeinde ein fruchtbarer Boden ist, in dem jedes Samenkörnchen des Guten und Edlen schnell Wurzel schlägt.und die kein Opfer scheut, das Bessere anzustreben, gehet wohl aus dem Ganzen deutlich hervor, besonders aber aus dem Umstande, daß sie ein Kostenaufwand von ca. 30,000 Fl. nicht abhält, ein passendes Schullocal aufzuführen, um dem Unterrichtswesen die angestrebten Resultate zu sichern. Auch bestehen hier für sonstige Zwecke der Humanität die schönsten und besten Einrichtungen. Ein israelitisches Spital, zu dem sich auch als neuestes Werk des mehrgedachten Herrn Hirschl ein Leichenhaus in nächster Zeit gesellen wird, Vereine zur Unterstützung der Armen und Kranken, so auch ein Verein zur materiellen und geistigen Unterstützung' der Handwerkslehrlinge. Bei dem letztern wäre blos noch zu wünschen, daß auch dem religiösen Bedürfnisse Rechnung getragen würde. Diese jüdischen Lehrlinge, die in ihrer Sphäre fast nichts vom jüdischen Leben mehr sehen, sollten doch nicht dem Judenthume so ganz entfremdet werden, und es ist daher unserer Ansicht nach unverzeihlich, wenn die Sonntagsschule, die einzige geistige Nahrung dieser jungen Kinder, daS religiöse Gebiet, den Religionsunterricht, gänzlich ausschließt. W. Ottenberg, Religionslehrer. Nieder-Oesterreich, 18. Mai. Die „Wiener Nachrichten" einer der jüngsten Nummern des „Wanderer" bringen unter der Ueberschrift „Eine Feier der hiesigen orientalischen Judengemeinde" folgende nicht uninteressante Notiz: „Die von 8 zu 8 Jahren sich wiederholende Ceremonie der hiesigen türkisch-israelitischen Gemeinde, auf dem ihr gehörigen Theile des Währinger Friedhofes die unbrauchbar gewordenen Exemplare der heiligen Bücher in feierlicher Weise, verbunden mit Erreichung humaner Zwecke, zu bestatten, fand gestern Nachmittag statt. Im Leichenhause befanden sich in weißleinene Säcke genäht die Stücke und Bruchtheile der defect gewordenen Bücher, Thora's u. s. w. Nach einer längeren Debatte, geführt von den hervorragendsten Männern dieser Judengcmeinde, behufs der Verwendung der aus diesem Zwecke zufließenden Gelder, wurde der Vorschlag zum Beschluß erhoben: sie den Schul- und andern Gemeindezwecken ungeschmälert zugehend zu machen. Nun begann die Licitirung des Platzes, wo diese Bücher begraben werden sollen. Der Ersteher dieses Platzes war Herr Abraham Adutt, um den Preis von 120 Fl. Für die Ausgrabung der Stätte wurde der Preis von 30 Fl. von Raph. Amar bezahlt. Für die Enthüllung der Bücher, die mit einem gefärbten Tuche bedeckt waren, wurde 40 Fl. bezahlt. Hierauf wurden die einzelnen in Säcke gefüllten Schriften/ 27 an der Zahl, von 50 Fl. bis 10 Fl. herab per Sack angekauft. Das erste Buch wurde .mit 50 Fl. erstanden. Die Herren Adutt, ASkanasi, Finzi, Russo,. Benvenisti, Elias, Lazar, Salom, Heim de Majo u. A. waren die Käufer. Nach beendigter Licitation hielt der Prediger der türkisch-israelitischen Gemeinde, Rabbiner Robin, einen sehr klaren, ein- 24