Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 23 (31.5.1858)
- Date
- 1858-05-31
- Page
- Seite 317 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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317 Österreichischer Kaiserstaat. Wien, 18. Mai. (Eingesandt.) Ohne Zweifel werden Ihnen bereits Berichte über die Spaltung, die die hiesige Gemeinde bedrohet, zugekommm sein. Eine derartige Angelegenheit kann man nicht zu Tode schweigen. Wohl ist es nicht zu laugnen, daß ein großes Glück bei dem Unglück sich kundgiebt. Herr Ignaz Deutsch, der mit dem Vertrauen beehrt wurde, eine altgläubige Cultusgemeinde zu bilden, ist nicht der Mann, dem eine Partei folgt. In der hiesigen Gemeinde leben über 1 5,000 Juden und ich wüßte nicht, ob es Jemanden giebt, der so wenig Vertrauen unter seinen Glaubensgenossen genießt, als gerade Herr Deutsch. Die Absichten liegen offen vor aller Welt und von lesellem schomajim ist am allerwenigsten die Rede. iPir geben uns auch der frohen Hoffnung hin, daß die Sache keine weiteren Folgen haben wird. Gestatten Sie mir jedoch, den Moment zu benutzen, um einen unparteiischen Blick über die hiesigen Gkmeindeverhältniffe zu werfen. Die alten Weisen lehren: wenn der Mensch von Unglück heimgesucht wird, soll er bei sich Einkehr halten, und sich selbst Rechenschaft über seinen Wandel geben. Thun wir ein Gleiches. Die Vorsteher der hiesigen Gemeinde werden oft und zu wiederholten Malen gelobt und gepriesen und zwar geschieht dieses mit vollem Rechte. Die Wiener Gemeinde hat Männer an ihrer Spitze, die zu den hervorragendsten der Gesellschaft gehören, die der Ruhm jeder Gemeinde wären. Daß der Schatten dem Lichte nicht fehlt, ist unnöthig zu bemerken. Es sind hochgestellte, hervorragende Männer! aber eben diese Stellung ist eS, die den Herren nicht gönnt, stets für die Gemeinde thätig zu sein, wie sie es selbst wünschten und wollten. Daß nichts vernachlässigt wird, versteht sich wohl von selbst; aber die Kritik gewinnt Spielraum. So meint man, wäre dem gegebenen Falle, wo einem Manne, der ohne Stütze und Haltpunkt in der Gemeinde ist, Vertrauen von Seite der Behörden geschenkt wird, leicht vorzubeugen gewesen. Hören wir weiter die Klagen an. Vor Allem der nervus rerum gerendarum, die Finanzangelegenheiten. Wie so kömmt eS, daß in einer Zeit der Oeffentlichkeit, wo der Staat das Budget veröffentlicht, nicht minder wie der Magistrat der Stadt, wie so kömmt eS, daß die Gemeindemitglieder nichts, gar nichts über diesen wichtigen Zweig erfahren? Und doch könnte es nur zum Vortheile gereichen,, wenn man dem Beispiele des Staates folgen wollte. Die Gemeinde ist autonom. Niemand wird ihr dieses Recht verkümmern wollen oder vielmehr Jeder wird sich freuen, daß die Gemeinde diese Stellung hat und durch sie die Vorsteher der Gemeinde. Schließt aber die Autonomie aus, daß die Vorsteher bei wichtigen Angelegenheiten, wie eS in jüdischen Gemeinden Sitte ist, durch Vertrauensmänner sich verstärken, um so genauer über die Stimmung der Gemeinde unterrichtet zu sein? Man sah eS daher ungern, daß bei der Predigerwahl die Angelegenheit beim Schluffe so schnell „übers Knie gebrochen wurde." Allerdings war das Publikum bald ausgesöhnt, da der neugewählte Prediger in seinen Predigten bewies, daß er der von Gott befähigte und berufene Mann sei. Hingegen sind die Gemeindemitglieder nicht einverstanden mit der Besetzung einer Stelle an der Schule. Man hatte alle Rücksichten für die Person und für die Personen, keine für die Sache. Man ist endlich erstaunt, daß die Vorsteher in Angelegenheiten, die überwiegend religiöser und nicht administrativer Natur sind, bei den Berathungen über dieselben nicht den Predigern Sitz und Stimme einräumen. Wir wollen nicht die Hierarchie befürworten, die überhaupt ein Hirngespinnst ist; aber suum euigue. Daß die Opposition gern aus den Mücken Elephanten machen möchte, versteht sich von selbst; ich glaube jedoch, daß auf die Vorsteher der Spruch anzuwenden fft: Heil Dem, dessen Sünden gezählt werden können! A. R. Pesth, im Mai. (Privatmitth.) ES hat eine freudige Sensation erregt, daß Herr Siegmund Goldberger, Associe des bekannten Großhandlungshauses Sam. F. Goldberger u. Söhne, von Seiten des hohen Gouvernements zum Gemeinderath der Königl. Freistadt Pesth ernannt worden ist. Man sieht auch der Wahl desselben in den israelitischen Cultusvorstand entgegen. Wien, 18. Mai. Die israelitische CultuSgemeinde in Wien beging heute die Feier der Schußsteinlegung des neuen Tempels in der Leopoldstadt, 23