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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-05-31 · Heft 23 (31.5.1858) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 23 (31.5.1858)
Date
1858-05-31
Page
Seite 314 (sequence 6)
Language
German
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314 westlichen Europa gleich komme. Dies kann nimmermehr geschehen; ja, sollten selbst Schulen in den polnischen Städten und Städtchen für die Juden angelegt werden, können diese unter den angegebenen Bedingungen nur bald wieder verkümmern. Befreit man vielmehr den polnischen Juden von allen ihn beengenden Ausnahmegesetzen, Ausschließungen und Beschränkungen, läßt man ihm, wie jedem anderen Bürger freien Spielraum für seine Gewerbsthätigkeit, seine Niederlassung, enthebt man ihn der beständigen polizeilichen Aufsicht; so wird auch in ihm der Bildungstrieb schnell erwachen, und in einem raschen Aufschwung wird er der europäischen Gesittung nacheilen, wie es die Welt bei dem westeuropäischen Juden in einem halben Jahrhundert gesehen hat. Jede Verbesserung, sagen wir noch einmal, in der Lage der polnischen Juden darum abweisen, weil man sie ihm bis jetzt nicht gewährt habe und weil er noch nicht anders geworden, als man ihn absichtlich schildert, heißt nichts Anderes, als Jemandem den Kerker nicht zu offnen, weil er bisjetzt darin gewesen und darin bleich und hinfällig geworden sein soll. Ucdcr Synagogenban. Es ist bereits wiederholt in diesen Blättern über den zu neuen Synagogen zu empfehlenden Baustyl gesprochen und beklagt worden, daß sich bis jetzt eine bestimmte, maßgebende Ansicht noch nicht herausarbeiten will. Von diesem Gesichtspunkte scheint uns die Ansprache, die der Architekt des neuen israelitischen Tempels zu Wien, Professor Ludwig Förster, bei derSchlußsteinlegung in diesen Tagen, am 18. Mai, an die Versammelten gehalten, und welche uns sreundlichst mitgettzeilt worden, ganz besonders geeignet, einiges Licht in diese schwierige Sache zu bringen, weshalb wir sie in ihrer ganzen Ausdehnung mittheilen, weil sie auch sonst noch einige beachtenswerthe Winke enthält, die hier und da willkommen sein können. Hochgeehrte Anwesende! Entsprechend dem Wunsche der Herren Vertreter dieser Cultusgemeinde, über die innere Einrichtung und den Charakter dieses Gott geweihten Baues, dem heute in feierlicher Weise der Schlußstein eingefügt werden soll, einige Andeutungen zu geben, erlaube ich mir wenige kurze Bemerkungen voranzuschicken. Die Aufgabe, einen Tempel zu bauen, welcher die für den Cultus erforderliche und für dessen Ausübung zweckdienstliche Form erhalten und zugleich, wenigstens in seinen Hauptgrundzügen, dem geheiligten Ideale aller Tempel, dem Salomonischen, entsprechen soll — diese Aufgabe ist eine anerkannt schwierige, doppelt schwierig, so weit es die Architektur des Aufrisses betrifft, da die vorhandenen Aufzeichnungen uns ein annähernd richtiges Bild nicht zu geben vermögen und die einer späteren Zeit angehörenden Gotteshäuser entweder eines bestimmt ausgesprochenen Baustyles entbehren oder ein, dem inneren Wesen des israelitischen Cultus gänzlich fremdes Gepräge tragen. Nach meiner unmaßgeblichen Ansicht dürfte es der relativ richtigste Weg sein, bei dem Baue eines Tempels jene architektonischen Formen zu wählen, deren sich die dem israelitischen Volke nahe verwandten Nationen des Alterthumes bedient haben, und hierbei im Allgemeinen nur jene Modificationen eintreten zu lassen, welche Klima und die neuen Erfindungen im Bauwesen bedingen. Daß diese meine Ansicht den relativ richtigsten Weg wenigstens nicht verfehlt, wird durch die Forschungen über die ältesten Baustyle im Orient wie durch die in unseren Tagen vorgenommenen Ausgrabungen am Euphrat gerechtfertigt, welche der Architektur Motive bieten, wie sie, nach den Aufzeichnungen im Buche der Bücher zu urtheilen, den Formen des Salomonischen Tempels annäherungsweise entsprechen und mit ihnen im Einklang stehen. So war, um nur einiges hierauf Bezügliche auzuführen, die Herstellung der Wände von allerlei Steinen und die Verzierung mit emaillirten Ziegeln schon im höchsten Alterthume gebräuchlich, wie die Entdeckungen in Ninive darthun. In Persien bildete man aus gebrannter Erde allerlei Polygone und damit die mannigfaltigsten Dessins j die Gesimse waren häufig mit kleinen übereinander liegenden Nischen geschmückt und mit Gallerien gekrönt. Die Arkaden hatten überhöhte Rundbogen, die Wände zeigten vielfache Verschlingungen von Pflanzen, Bändern und Linien „Palmen und Keltenwerk/' Nach diesen allgemeinen Andeutungen zur speciellen Betrachtung des Baues übergehend, in dessen Räumen wir weilen, muß vorausgeschickt werden, daß die ganze Anlage durch die Localverhältnisse nichts weniger als begünstigt ist. Der von der Gemeinde angekaufte Platz, durch seinen hehren Zweck hoch erhoben über eine nicht eben rühmenswerthe Vergangenheit, wurde zum Aufbaue des Tempels, nebst Localitäten theils für Beamte der Gemeinde, iheilö für andere Parteien, bestimmt. Da der Tempel mit dem Chore, dem Diituö gemäß, die Richtung nach Osten erhalten mußte, so blieb unter den gegebenen Raumverhältnissen nichts Anderes

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