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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-05-31 · Heft 23 (31.5.1858) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 23 (31.5.1858)
Date
1858-05-31
Page
Seite 311 (sequence 3)
Language
German
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311 Es ist zunächst die Absicht der kaiserlichen Regierung, die Juden im Königreich Polen mit denen in Rußland gleichzustellen. Es würde dies für die polnischen Juden ein wesentlicher Fortschritt sein, indem sie dadurch erstens von den besonderen Beschränkungen, mit denen sie belastet sind, und den zahllosen Verationen der Beamten, die sich auf jene stützen, befreit und der Begünstigungen, welche neuerdings den russischen Juden gewährt worden, so begrenzt auch diese Wohlthaten noch sind, theilhaftig würden, und zweitens sie dann mit den russischen Juden zugleich auf der Bahn des Fortschrittes geführt würden, die bei dem großartigen Umschwünge der Dinge im Kaiserreiche nothwendig betreten werden muß. Aber mit großer Energie suchen die polnischen Beamten schon diese Absicht zu vereiteln. Sie stützen sich dabei auf zwei Motive, die, weil sie scheinbar durch Thatsachen unterstützt werden, hier beleuchtet werden müssen; nämlich erstens, daß die Verhältnisse im Königreich Polen durch die große und in enormem Maße wachsende jüdische Bevölkerung andere wären, als im Kaiserreiche Rußland; 2) daß die Demoralisation der p olni schen Juden so groß sei, daß sie nicht in gleicher Weise mit den russischen Juden behandelt werden könnten. Um diese beiven Behauptungen zu begründen, bedient man sich gewisser Angaben in dem letzten statistischen Kalender des Königreichs Polen, der in Warschau erschienen. Aber in dem betreffenden Kalender sind Wahrheit und Schein auf eine so machiavellische Weise gemischt, daß die Resultate völlig falsche sind. Es wird nicht schwer sein, dies aus guten Quellen nachzuweisen. Der gedachte Kalender giebt folgende Tabelle über die jüdische Bevölkerung: Im Jahre Allgemeine Zahl der ganzen Bevölkerung in dieser befinden sich Auf tviufcnb Köpfe der allgemeinen Bevölkerung kamen Juden Christen Juden Christen 1816 2,732,324 212,944 2,5 l9,380 78 922 183! 3,762,003 372,924 3,389,079 99 901 1846 4,867,129 557,895 4,309,234 114 886 1855 4,673,869 565,877 4,107,992 121 879 1856 4,696,919 571,678 4,125,241 122 878 Hieraus schließt der Verfasser des Kalenders, daß die Bevölkerung anderer Consesstonen in 40 Jahren 72 °/o gewonnen, die Juden 169 °/o, daß somit die Juden in 28 Jahren sich verdoppeln können, während die übrige Bevölkerung erst in 56 Jahren, daß somit die Juden in 150 Jahren allen übrigen Confessionen gleichkommen werden. Es läßt sich aber vollkommen Nachweisen, daß die Angaben dieser Tabelle aus den Jahres 1816 und 1831 völlig falsch sind. Bei dem Wiener Tractat von 1815 ward die Bevölkerung des neugestifteten Königreichs Polen bereits auf 4 Millionen angegeben, und die gegen die Juden 18! 8 erschienenen Broschüren klagen bereits über die halbe Million Juden im Königreiche. Der Verfasser hätte aber aus seiner eigenen Tabelle, wenn er gewollt hätte, die Widersprüche, ja die Lächerlichkeit dieser Angabe ersehen können. Es hätten sich nach ihm die Juden von 1816—1846 von 212,000 auf 557,000 vermehrt, also in 30 Jahren um 345,000, und da durch einen statthalterlichen Befehl seit 1816 jede Niederlassung eines ausländischen Juden verboten ist, ergäbe dies eine jährliche Vermehrung von 11,500, die in der That nur durch ein Wunder hätte geschehen können. Von 1846 —1856 soll aber die Zahl nur von 557,000 auf 571,000 gestiegen sein, was in 10 Jahren eine Vermehrung von 14,000 abgiebt, also jährlich 1400. Wie sollen sich also die Juden von 1816—1846 bei einer Seelenzahl von 200,000 jährlich um 11,500, von 1846 —1856 bei einer Seelenzahl von 500,006jährlichnurum 1400vermehrthaben?! Würdedies nicht allein jeden Statistiker, wenn er eine redliche Absicht hat, von der Unrichtigkeit seiner Angaben überzeugen müssen? Die bestimmte Absicht, auf jede mögliche Weise eine jüdische Uebervölkerung im Königreiche Polen nachzuweisen, läßt sich auch aus einer weiteren Tabelle erkennen, aus welcher wir nur folgende Daten hervorheben: In Oesterreich kamen auf 3GV2 Millionen 800,000 Juden, so daß auf 1000 Seelen 22 Juden kommen, in Rußland ohne Polen auf 60 Millionen Menschen 1 Million Juden, so daß auf 1000 Seelen 16 Juden kommen, während in Polen auf 1000 Seelen 122 Juden. So will der Verfasser erweisen, daß die Verhältnisse in Polen wegen der großen Zahl der Juden anders liegen als in Rußland. Der Verfasser verschweigt aber, daß schon in Oesterreich einige Provinzen, wie das Erzherzogthum (außer Wien) Tyrol und Steyermark, Kärnthen ganz ohne Juden find, in Rußland aber nur ein sehr kleiner Theil des Reiches von Juden bewohnt werden darf, so daß, um eine richtige und wahrhaftige Beurtheilung des Verhältnisses der Juden zur allgemeinen Bevölkerung zu erhalten, nur die Bevölkerung derjenigen Provinzen, in welchen Juden wohnen dürfen, berechnet werden darf. Es würde sich da sicherlich Herausstellen, daß das numerische Verhältniß der Juden in den russischen Provinzen, in welchen sie wohnen dürfen, dem im Königreiche Polen ziemlich gleichkommen werde. Auch hierin ist also die Folgerung des Verfassers des Ka- 23*

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