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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-05-24 · Heft 22 (24.5.1858) · p. Seite 297

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 22 (24.5.1858)
Date
1858-05-24
Page
Seite 297 (sequence 3)
Language
German
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297 heit sich der Ernennung Rothschilds widersetze. Mr. Whitbread bekämpft die Motion. Er kann den angeführten Fall des unbeeidigten Sir Joseph Jekyll nicht als maßgebend gelten lassen. Zwischen dem Rechte in einem Ausschüße oder im Hause zu stimmen, sehe er keinen Unterschied, da ein Ausschuß nur eine Abtheilung des Ganzen sei. Rothschild besitze das eine Recht so wenig wie das andere, sonst könnte er eben so gut in irgend einem andern, zum Beispiel einem Wahlausschüsse, ernannt, von diesem zum Präsidenten gewählt werden und in dieser Eigenschaft dem Hause einen Bericht abzustatten haben. Auch Mr. Macaulay (— Nicht zu verwechseln mit dem berühmten Geschichtsschreiber, der jetzt Lord ist und im Oberhause sitzt und für die Zulassung der Juden gestimmt hat. Redaction der Allg. Zeitg. d. Jud.) bezeichnete die Motion als ungerechtfertigt und unwürdig und Mr. Drummond erklärt sie sich aus der Neigung gewisser Parteien, dem Oberhause Zwang anzuthun; im Ganzen aber sei die Opposition auffallend unbedeutend. Nachdem Mr. Collier und M. Pull er einige Worte zu Gunsten der Motion gesagt, wird sie mit 251 gegen 196 angenommen. Der Name des Baron Rothschild wird darauf sofort auf die Liste der Ausschußmitglieder gesetzt." Je eigenthümlicher #tnefe Wahl Rothschild's in den Ausschuß, der über dessen eigne Zulassung sich auszusprechen hat, ist, desto lebhafterer Protest spricht sich gegen die Abstimmung der kleinen Majorität des Oberhauses, von der die Times sagen, daß sie nicht aus den achtbarsten und talentvollsten Peers besteht, aus. Es liegt darin offenbar eine schneidende Ironie auf diese Oberhäusliche Majorität, und zugleich konnte das Unterhaus nicht energischer erklären, daß es Nothschlid durchaus als ein vollberechtigtes Mitglied des Unterhauses ansteht, nur daß er den Eid noch nicht geleistet. Hierdurch aber ist allerdings die Spannung zwischen Unterhaus und Oberhaus stärker geworden. Jene Wahl ist eine Herausforderung, die das Unterhaus gegen das Oberhaus gerichtet hat, und die letzterm das Nachgeben schwieriger macht, während es zugleich das Unterhaus um so mehr verpflichtet, in der Sache keinen Fuß breit nachzugeben. Nicht gering ist daher auch der Aerger, welchen die Judenfeindlichen Blätter, zu denen leider die Mehrzahl der deutschen gehört, darüber empfinden. Jnsonders speit die „ Neue Preuß. Zeit." Feuer und Flamme, aber man weiß, daß das Feuer der „Kreuzzeitung" Niemandem mehr Schaden thut, und so läßt man es ruhig verpuffen. In ganz eigner Weise äußert sich die „Petersburger Zeitung" über die Verwerfung der Bill im Oberhause, so daß wir ihre Worte hier anführen wollen: „In diesem Kampfe (um die Zulassung der Juden) der Parlamente, welcher bereits mehrere Jahre dauert, ist das Recht aus Seiten der Pairskammer. Wie alle anderen, so sind auch liberale Maßregeln nur dann gut, wenn sie folgereich und begründet sind, wenn mit deren Annahme das Wohl von Millionen verknüpft ist. Jede Maßregel aber, die nur einem Einzigen zu Gute kommt und nur zum Vortheil eines Einzigen getroffen wird, ist ein Monopol, das nicht geduldet werden darf. Wenn in England die Judenschaft aus einigen Millionen Köpfen bestände, so dürfte sie wohl einen Vertreter aus ihren Glaubensgenossen im Parlamente haben. Inzwischen giebt es in England keine halbe Million Menschen jüdischen Glaubensbekenntnisses, und unter diesen keinen einzigen Juden, mit Ausnahme des Banquiers Baron Rothschild, der von den Engländern würdig erachtet wäre, im Parlament einen Sitz einzunehmen, mithin geschieht in dieser Hinsicht Alles nur zu Gunsten einer einzigen Person, und für diese bringt man mehrere Jahre hintereinander eine Bill ein, die den Parlaments-Mitgliedern Zeit raubt und sie von anderen wichtigen Dingen abhält." — Man weiß nicht, ob man sich mehr über die Unkenntniß der Petersburger Zeitung oder über ihre Logik wundern muß. Gedachte Zeitung weiß nicht, daß es in Großbritannien nicht eine halbe Million Juden, sondern nur ungefähr 30,000 giebt; sie weiß aber auch nicht, daß vor drei Jahren noch ein anderer Jude, Alderman Salomons, der vorjährige Lord- Mayor von London, ins Parlament gewählt worden, und daß er fast mit Gewalt des von ihm in Anspruch genommenen Rechts beraubt wurde, weil er als Jude jenen Eid nicht schwören konnte. Das ganze Raisonnement der Petersburger Zeitung über das Monopol Rothschilds ist also falsch, noch dazu da vor Kurzem noch ein anderer Jude Aussicht hatte, gewählt zu werden, der aber zurücktrat, weil er den Kamps erst entschieden wissen wollte. Nockweniger scheint die Petersburger Zeitung zu wissen, daß es im englischen Parlamente keine confesstonelle Vertretung giebt, auch nicht geben kann, da es mit einziger Ausnahme der Zulassung der Juden zum Parlamente gar keine staatsbürgerlichen Unterschiede nach Confessionen giebt. Und wenn die Juden viele Millionen Köpfe in Großbritannien zählten, brauchten sie als Juden keinen Vertreter im britischen Parlament, so wie Salomons und Rothschild nicht als Juden, sondern als Briten von den Briten gewählt 22*

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