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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-05-10 · Heft 20 (10.5.1858) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 20 (10.5.1858)
Date
1858-05-10
Page
Seite 268 (sequence 2)
Language
German
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268 auf die staatsrechtliche Stellung des Unterhauses zum Oberhause. Aus diesen Gründen theilen wir über die betreffende Verhandlung in der Sitzung vom 27. April folgenden Bericht mit. Die 5. Clausel, welche jüdischen Mitgliedern gestattet, bei der Eidesleistung die Formel: „beim wahren Glauben eines Christen" wegzulaffen, wird vom Lord-Kanzler (Lord Chalmsford, früher Sir Fred. Thestger) in einer längeren und sehr energischen Rede bekämpft. Niemand dürfe sich wundern, daß er für seine alten und tiefen Ueberzeugungen wieder in die Schranken trete. Es handle sich nicht um die Ausschließung dieses oder jenes Jndividuums, sondern um die Aufrechthaltung eines Princips, das für die Wohlfahrt und den Fortbestand der christlichen Kirche Englands nothwendig sei. Wer die Juden, auf Grund ihrer Bürgerrechte, für geeignete Gesetzgeber halte, mißverstehe die Bedeutung des Ausdrucks „bürgerliche Rechte". Darunter begreife er den gesetzlichen Genuß von Eigenthum, persönlicher Sicherheit und Freiheit, nicht aber die Zulassung zu politischen Aemtern. Die Formel: „beim wahren Glauben eines Christen", gleichviel, welches ihr Ursprung, beweise, daß nach dem Geist und Buchstaben des Eides das Parlament ein bewußtes christliches Institut ist, welches nur Christen als Mitglieder anerkennen kann. Die City oder eine andere Municipalität könne einen Juden zum Mayor, zu einem das Gesetz ausführenden Beamten wählen, aber die Erwählung eines Juden zum Gesetzgeber sei ein unconstitutioneller Act. Ueberdies läugne er, daß fich in solchen Wahlen ein wirklicher Wunsch des englischen Volkes ausspreche. Lord Lyndhurst entgegnet, es sei die Pflicht und der Beruf des Hauses, die Parlamentsacte der Vorzeit nach ihrem Sinn und ihrer Absicht zu beurtheilen und dem Geist so wie den Bedürfnissen der Gegenwart anzupaffen. Niemand aber wolle heute noch behaupten, daß die gegen die Juden notirten Parlamentsgesetze ursprünglich die Ausschließung der Juden zum Zweck gehabt hätten. Die abgedroschene Redensart, daß die Judenemancipation das Parlament entchristlichen würde, sei selbst von einem strenggläubigen Christen, dem Erzbischof Whaterley, widerlegt worden. Wäre die Phrase ernst zu nehmen, so könnte man mit demselben Recht behaupten, daß England ganz und gar mit seinen Municipalitäten und Gerichtshöfen entchristlicht sei. Wer sei wahnsinnig genug, die englischen Kolonien, in denen mit der Sanction des Parlaments von Westminster die volle religiöse Gleichberechtigung seit langer Zeit eingeführt ist, unchristlich zu nennen? In Kanada habe ein Jude mehrere Jahre lang in der-: Gesetzgebung mitgewirkt und fich eine selteneWWtzlarität Hrryngen, im Parlament von Australien sttzß ebelj^As xin DudH^^ Das protestantische Holland und das katholische Belgiens wie das katholische Frankreich, die Vereinigten Staaten von Nordamerika — seien etwa diese Staaten, sei der größte Theil der eivilisirten Welt entchristlicht? Oder bestehe das wesentliche Charaktermerkmal des Christenthums in Unduldsamkeit? Preußen sage zum Juden: Du kannst in der Gesetzgebung Mitwirken, das schadet nichts) aber die Gesetze handhaben? Gott behüte. England im Gegentheil sage: Der Jude mag die Gesetze handhaben, das schadet nicht) aber unter den Gesetzgebern sitzen? Gott behüte! (Lachen.) So kraß seien die Inkonsequenzen der Unduldsamkeit, die sich das Monopol christlicher Gesinnung anmaßt. Wenn er sich gezwungen sehe, auf das Beispiel Amerikas und so vieler kontinentalen Staaten hinzuweisen, so könne dies Niemand mehr als er selbst bedauern, denn England sollte der Welt mit seinem Beispiel vorangehen. Er wiederholt, die Entchristlichungsfurcht sei leerer Vorwand oder eine oberflächliche Anschauung, und die Functionen des Gesetzgebers und des Friedensrichters seien in ihrer Grundbedingung identisch. Hoffentlich werde er dieses Jahr zum letzten Mal gezwungen — wie vermuthlich zum letzten Mal im Stande — sein, für diesen Act der Gerechtigkeit seine schwache Stimme zu erheben. Der Herzog v. Marlborough bekämpft die fünfte Clausel, indem er ihre staatsgefährlichen Folgen in ein grelles Licht zu stellen sucht. Wenn man die Juden für wählbar erkläre, so entstehe die Möglichkeit eines jüdischen Geheimrathmitgliedes oder eines jüdischen Premierministers, der die Ernennung anglikanischer Bischöfe zu unterzeichnen hätte. Lord Stratford de Redcliffe (der zum ersten Mal im Oberhause das Wort nimmt) erklärt fich für die Emancipation der Juden und versichert, daß man es kaum glauben könne, wie sehr ihm der Umstand, daß Großbritannien im Punkt der religiösen Gleichberechtigung hinter der Zeit zurück ist, bei seiner Mission im Orient hinderlich gewesen sei. Seit 17 Jahren war er bemüht, bei der hohen Pforte für Fortschritt und Civilisation zu sprechen und nichts hätte ihm dabei von größerem Nutzen sein können, als wenn er im Stande gewesen wäre, auf die Aufhebung aller gehässigen Unterschiede in England zu deuten. (Chers.) *) Der ehrenwerthe Redner vergißt hier auch Jamaika anzusühren. Redact.

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