Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 19 (3.5.1858)
- Date
- 1858-05-03
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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262 MatterSdorf aufnehmen, da dieser kein Chassid, doch aber von ächt orthodoxem Blute sei; den Andern zu- 'folge sei man davon wieder abgekommen, weil dieser Mann den Chassidim zu viel Deutscher, den Deutschen aber zu viel Chassid sei. Andererseits sollen die Deutschen ihr Projekt, einen Tempel zu bauen, diesmal mit Energie ausführen wollen, was ihnen der unerwartete Uebertritt eines sehr angesehenen Mannes auS dem polnischen in das deutsche Lager durch bedeutende Geldvorschüsse ermöglicht haben soll. Möge dieser Knoten recht bald zu Gunsten deS Fortschrittes gelöst werden. — Die ungarischen Israeliten schreiten rüstig vorwärts; man nimmt selten ein Zeitungsblatt zur Hand, ohne darin Concursausschreibungen zur Besetzung von vacant gewordenen Rabbinaten durch zeitgemäß gebildete Rabbiner oder von neu creirten Schulen durch pädagogisch gebildete Lehrer zu begegnen. Biele Gemeinden recrutiren ihre Rabbiner aus Mähren, wo nicht gar aus dem Auslande. Wir lesen solche Annoncen nicht ohne Gefühl der Wehmuth, und fragen uns trüben Herzens: Wann wird einmal auch an Galizien die Reihe kommen? Wie lange noch wird die Judenschaft dieses Landes die bsts noire der Eivilisation bleiben? — In Pesth bereitet man sich zur Wahl eines Rabbiners vor. — Das Handelsministerium hat die Wiederwahl des Isaak Rubinstcin zum Vice-Präsidenten der Handels¬ und Gewerbekammer in Czernowitz bestätigt. — Laut eines Berichtes aus Teschen, beabsichtigen die dortigen Israeliten die Verlegung' des Wochenmarktes von Samstag auf Freitag bei den betreffenden Behörden zu erwirken. Der Correspondent des „Wanderer", dem wir diese Mittheilung verdanken, befürwortet dieses Gesuch mit Wärme, „weil die Verlegung des WochenmarkteS von unverkennbarem Nutzen für die Gemeinde und die ganze Umgegend fein würde." — Zum Schluffe noch folgendes Curiosum. In Leitmeritz (Böhmen) wird unter den Auspicien des dortigen Bischofs ein Taubstummeninstitut errichtet. An der Spitze des Programms desselben steht, wie Wiener Journale melden, folgender charakteristischer Grundsatz: „Da diese Anstalt eine Bildungsanstalt für taub- „stumme Kinder ist, so stellt sich eine religiös mora- „lische Ausbildung ihrer Zöglinge als das Eine Noth- „wendige obenan und setzt erst in zweite Reihe ' „die Befähigung derselben für den Gebrauch „der Laut- und Schriftsprache zum leichten „Verkehr mit ihren Mitmenschen." — Pesth , 8. April. (Privatmitth.) Das IV. Heft der jüdisch-theologischen Monatschrift Len Chananja bringt aus Großwardein eine kurze Skizze aus dem Leben und Wirken des auch in dieser Zeitung erwähnten vr. Friedrich Groß, dessen Licht, zur großen Betrübniß der Stadt und Umgegend, am 2. Januar 1858 erloschen, und verdient diese interessante Mittheilung in weitere Kreise verbreitet zu werden. Diese Skizze lautet wörtlich also: „Friedrich Groß, Doctor der Medicin und Chirurgie, Inhaber und Director der Augenkranken-Heilanstalt für Arme, Mitglied der ständigen Medicinal- Commission der k. k. medicin. Facultät zu Pesth, der Gesellschaft deutscher Aerzte zu Paris, der k. k. Gesellschaft der Aerzte und des zoologisch-botanischen Vereins zu Wien, perman. Ehrenmitglied des Wiener medicin. UnterstützungsvereinS, Primärarzt deS israelitischen Krankenhauses in Großwardein, Inhaber des k. k. goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone, wurde geboren 1798 zu Großwardein, wo seine Mutter noch lebt. Im Jahre 1819 erhielt er das Diplom als Doctor der Philosophie. Im Jahre 1825 wurde er zum Doctor der Medicin und der Chirurgie promovirt. Im Jahre 1830, bis zu welcher Zeit er außer Ungarn gelebt, kehrte er in seine Vaterstadt zurück, um sich da für ewige Zeiten ein Denkmal zu setzen, ein Denkmal, das seine Liebe zur Kunst wie zur Menschheit beurkundet. Er gründete nämlich hier auS eigenen Mitteln eine Heilanstalt für Arme, die mehr einem freundlichen Lusthause mit Orangerien und duftenden Blumenalleen glich, als einem Krankenhause, und hat da während einer 27jährigen Praxis nicht weniger als 50,000 arme Kranke unentgeltlich behandelt. „Am 27. Mai 1857 beehrte Se. Majestät der Kaiser die Anstalt mit einem allerhöchsten Besuche, und verlieh dem Gründer und Erhalter derselben das goldene Verdienstkreuz mit der Krone. „So wie er als,Arzt und Mensch gelebt, so lebte er seinem Stamme und Glauben treu als Israelit und hatte er, seinen plötzlichen Tod woraus ahnend, streng angeordnet, ihn nach den jüdischen Gebräuchen zu beerdigen." Wir können uns nicht enthalten, hier einige Worte