Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 18 (26.4.1858)
- Date
- 1858-04-26
- Page
- Seite 243 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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243 der Frauen im Orient und Oecident, von Friedrich Bodenstedt im neuesten März-Hefte der W.'schen Blätter vorführen. Der sonst sehr geistreiche Verfasser sagt unter Andern!: „Bei den Juden war die Stellung der Frau eine so recht- und schutzlose, daß ein falsches Zeugniß genügte, um eine Frau schuldig erscheinen zu lassen, tifie wir am deutlichsten aus der Geschichte der Susanna sehen, welche trotz ihrer Unschuld verdammt wurde, ohne daß man daran dachte, die Sache zu untersuchen, und es gleichsam einer göttlichen Dazwischenkunft durch den Mund Daniels bedurfte, um ihre Unschuld ans Licht zu stellen." — Ein solch seichtes, gänzlich unmotivirtes Aburtheilen könnte weder in England noch in Amerika Vorkommen. In England hat die Kirche die Apokryphen eben so wenig im Kanon ausgenommen wie wir Juden; in Amerika aber muß jeder nur einigermaßen Gebildete die Bibel s o kennen und die Kenntniß derselben auch bei Anderen in dem Grade voraussetzen, daß er weder aus Unwissenheit, noch wissentlich mit Absicht einen solchen Schnitzer machen kann und darf. Einer der größten Selbstdenker Amerikas, vielleicht gar unserer Zeit, Ralph Waldo Emmerson, sagt in seiner Vorlesung über Plato — Representative men. Plato, or the Philosopher — as our Jewish Bible has implanted itself in the table — talk and household life of every man and woman in the European and American nations, so the vvritings of Plato have preoccupied every school of learning etc. „Gleich wie der Einfluß unsrer jüdischen Bibel ausgedrückt ist in jedem Tischgespräch, im ganzen häuslichen Leben eines jeden Mannes und Weibes der europäischen sowohl wie der amerikanischen Völker, so haben Plaro's Schriften vornweg alle Gelehrtenschulen in Besitz genommen rc." — Der gulte Emmerson kennt nur Amerika und von Europa England; sonst wäre er in diesen Jrrthum nicht verfallen. In Deutschland mag man sehr geschmackvoll persische und russische Dichter nachbilden können, braucht aber deshalb noch gar keine, oder nur eine sehr oberflächliche Bekanntschaft mit der Bibel zu haben. Eher könnten schon in England und Amerika Stellen Vorkommen, wie folgende in demselben Aussatz: „Erst das Christenthum brachte den Frauen Freiheit und Erlösung. Das große Wort des Heilands, als die Juden die Ehebrecherin zu ihm führten, um sie zu steinigen: Wer sich unter Euch rein fühlt, der hebe den ersten Stein auf! schoß wie ein Sonnenstrahl" u. s. w. — Billig müßte man uns aber die Frage erlauben, was sollte aus dem Organismus des christlichen Staates in seinem jetzigen Vorhandensein werden, wenn jeder Vertheidiger eines Verführers, Fälschers, Bankerottirers ober Schwindlers und leichtsinnigen Schuldenmachers den Richtern zurufen dürfte: Wer sich unter Euch rein fühlt, der verurtheile den Angeklagten!? — Noch heißt es in dem Aufsatze: „Der Harem des Sultans — der im großen Ganzen eben so eingerichtet ist, wie der Harem Salomons des großen Königs der Juden war." Dies bringt mir unwillkürlich den Commenrar des bekannten Malbim zum Hohenliede ins Gedächtniß. Er theilt das Hohelied in fünf Gesänge, die allegorisch genommen und auf Gott, die Seele und den Körper gedeutet werden. Trotz der geistreichen Durchführung und wie mystisch süß auch manche Stelle ist, können wir doch nur entschieden gegen ein Ueberhandnehmen eines solchen Allegorifirens warnen, und müssen auf die Nebel, die der Neuplatonismus sogar der Juden, in dem zweiten Plato: Philo, der Alerandriner — der Vorläufer der Kabbalah — herbeigeführt, verweisen. Auch der von Plato begeisterte Uankee, — dieses soll keineswegs ein Spitzname sein, sondern einen allgemeinen Jrrthum verbessern: man hält die Nankees für kalt, schlau berechnend und hinterlistig, und dennoch giebt es bald nicht einen offeneren, geist- und gemüthreicheren Menschen wie Emmerson — besitzt Klarheit des Geistes und Patriotismus genug, um sich der segensreichen Institutionen seines Vaterlandes, die der Bibel ihren Ursprung verdanken, zu erfreuen, und sie nicht nach den Träumereien eines Plato in seiner Republik umgemodelt zu wünschen. — Viel besser hat mir Malbim's Commentar zu Jeschajah gefallen, der namentlich in sprachlicher Beziehung sehr interessant ist und manche Synonyma mit Wessely'schem Geiste erklärt. Vielleicht komme ich später auf diesen Commentar zurück. — Einen besseren und wahreren Beleg „über die Stellung der Frauen bei den Juden" wie Professor Bodenstedt, hat in dem vom Literatur-Verein subventionirten Kerem Chemed Bd. 9. Seite 131. ein jüdischer Schriftsteller gegeben. Derselbe weist eben so geistreich wie wahr in dem Wesen der Sprache nach — daß selbst im Imperativ, der in den meisten Sprachen einsilbig, nur als Ausdruck der Verehrung oder der Liebe noch eine Silbe oder ein Wort hinzugefügt bekommt — der Hebräer schon weiblich in der einfachen