Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 17 (19.4.1858)
- Date
- 1858-04-19
- Page
- Seite 232 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226093-3226111--16845-3245721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Unser Publikum ist ein sehr verwöhntes. Der Gottesdienst im Tempel ist, vielleicht mehr als zweck- , mäßig, auf die Predigt angewiesen, und so haben wir jederzeit Prediger ersten Ranges, Kley, Salomon, Frankfurter, gehabt, von denen zumal Letzterer nun über 6 Monate ganz allein und mit nie vermindertem Beifall predigt. Ueber die unreflectirte, unmittelbare Hingebung an die begeisternde Rede sind bei uns nicht nur gebildete Männer und Frauen, son-- dern auch der übrige Theil der Zuhörerschaft hinaus. Es will daher nicht wenig sagen, wenn ein fremder Redner aus einem kleinen Orte an den äußersten Gren- > zen deutscher Zunge bei uns diesen Beifall erwirbt. Es sind indessen noch mehrere Momente als das Predigen allein, die bei unserer Wahlangelegenheit in Betracht kommen. Daß cö an Bemühungen nicht gefehlt hat, gleich von vorn herein ein unfreundliches Verhältniß des Bewerbers mit unserm Herrn vr. Frankfurter hervorzurufen und so die Wahl unmöglich zu machen (da - der gesammte Tempelverein mit ungetheilter Liebe und > Achtung an Letzterem hängt), und daß diese Bemühungen keinen Erfolg gehabt haben, wird Jeder, der einige Erfahrungen in dergleichen Wahlangelegenheiten bei Juden und bei Christen hat, leicht ermessen. Preußen. Berlin, 1. April. (Privatmitth.) Der berühmte jüdische Reisende, Herr I. I. Benjamin H. aus der Moldau, welcher einen nicht unbedeutenden Theil Asiens und Afrikas durchwandert hat und dessen auch in diesen Blättern schon mehrfach Erwähnung gethan worden, befindet sich seit einigen Tagen hier und hat sich der Thcilnahme und Anerkennung der ausgezeichnetsten christlichen wie jüdischen Gelehrten zu erfreuen. Die Nachrichten, welche uns von unseren Brüdern im Orient zugehen, sind so spärlich und derart zersetzt, daß es als ein wahrhafter Gewinn für die Wissenschaft anzusehen ist, einmal von Augenzeugen Näheres und Ausführliches über sie zu erfahren. Herr Benjamin ist seit seinem Stamms- und Namensgenossen aus Tudela der erste Jude, der es sich zur Lebensaufgabe gestellt, den Zustand der Juden in den entferntesten Gegenden kennen zu lernen und sein Augenmerk auf das bis heute noch nicht ergründete Verweilen der zehn Stämme gerichtet hat. Der Reisende scheute keine Mühen und keine Gefahren; kühn drang er durch die unwirthbaren, wilden Gegenden Kurdistans, erforschte Assyrien, Babylonien und Persien, durchstreifte Indien bis zur chinesischen Grenze, die ganze Berberei bis zur Sahara und Aegypten wurden von ihm besuchte Die Ergebnisse und Erlebnisse dieser mehr denn achtjährrgen Wanderung legt der erfahrene Reisende jetzt in seiner Schrift „Acht Jahre in Asien und Afrika-" nieder und enthalten die 12 bis jetzt gedruckten von miv gelesenen Bogen dieses höchst interessanten Werkes genaue Nachrichten über unsre Glaubensgenossen in den von ihm bereisten Ländern, über ihre Gebräuche und Traditionen, ihre Fehler und Culturzustände u. f. w., wie diese bis jetzt von keinem Reifenden mit specieller Berücksichtigung der Juden geliefert worden sind. Schön sind die Worte, welche der Nestor der Wissenschaften, der große Meister menschlichen Wissens, Alexander-von Humboldt, über dieses Werk vor wenigen Tagen dem Verfasser schrieb: „Ich habe in Anerkennung deS edeln Zweckes, welchen Sie auf so weiten Landreisen verfolgt haben, den Zustand eines zerstreuten und unterdrückten Volkes zu ergründen, mit vielem Interesse einige Bogen Ihres Reisewerkes gelesen. Sie schildern Zustände der Entartung in den Unterdrückten, der Willkürsgewalt in den Unterdrückern, welche in Europa wenig bekannt sind und Ihrem Buche gewiß und mit Recht viele Leser verschaffen werden" u. s. w. Daß Benjamins Reiseberichte den Stempel der Wahrheit und Glaubwürdigkeit an sich tragen, haben ihm die allgemein bekannten Reisenden Ritter, Petermann u. A. freudig bezeugt und halten wir die Bemerkung nicht für überflüssig, daß die Nachrichten, welche der Reisende aus der Moldau über die Juden in Persien und Indien giebt, mit denen Pedro Teineira's, einem spanisch-portugiesischen Reisenden jüdischer Abkunft, aas dem Anfang des 17. Jahrhunderts genau übereinstimmen. Herr Benjamin beabsichtigt, sobald sein Werk die Presse verlassen hat, eine dritte Reise nach Chinader malabarischen Küste und Afghanistan, wozu namhafte Gelehrte, wie Munk, Jost, Dernburg u. A. ihm Aufgaben gestellt haben, zu unternehmen. Trotz aller Hülfe aber, welche einige jüdische Gemeinden Deutschlands, wie Frankfurt a. M., Hannover geleistet, trotz den anerkennenswerthen Bemühungen einzelner Männer der Wissenschaft, ist Herr Benjamin doch nicht in dem Maße mit den erforderlichen Mitteln zu einer so kostspieligen Reise versehen, daß er dieselbe sorgenlos