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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-04-19 · Heft 17 (19.4.1858) · p. Seite 229

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 17 (19.4.1858)
Date
1858-04-19
Page
Seite 229 (sequence 5)
Language
German
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229 lich verabsäumt, ihrer Gemeinde daS Claffenziel einer solchen Schule zum klaren Bewußtsein zu bringen. LobenSwerth wirkt in dieser Hinsicht der wirklich humane Dr. Frenkel in Witzenhausen; er steht dem Lehrer treulich zur Seite, hält diesem immer ein gedeihliches Ziel vor Augen und hilft selbstthätig ein solches erreichen. Herr vr. Enoch in Fulda entfaltet zwar auch eine recht segensreiche Wirksamkeit dadurch, daß er 15—18 Jünglinge aus den übrigen Gemeinden seines Sprengels in theologischer Wissenschaft unterrichtet und daß er die Gemeindemitglieder in Fulda veranlaßt, diese Jünglinge zu unterstützen. Hierdurch wirkt er sicher nachhaltiger, als viele Rabbinen durch ihre besten Predigten; denn diese rufen doch nur vorübergehende Eindrücke hervor; was aber ein treuer Lehrer seinen Schülern einprägt, das wird wieder lebendig im Volke. Wenn's nun sehr heilsam ist, dahin zu wirken, »m öi'ipeNb a’ttamö ttn daß man der Verkehrtheit nach beiden Seiten hin — denn es wird durch das „Zuviel", wie durch das „Zuwenig" gleichviel gesündigt im gegenwärtigen Israel — zu begegnen weiß, so macht sich Herr vr. Enoch durch seinen Unterricht in Wahrheit sehr verdient. Gleichwohl dürfte schwerlich ein einziger Jünger aus dieser Schule hervorgehen, der wie dieser überfromme Mann und sein Gesinnungs- und Amtsgenosse in Gudensberg sich rühmen wird: ich trinke kein bia yisn aro. Ein Rabbiner als Chassid kann wohl seinem religiösen (?) Drange genügen, niemals aber segensreich auf Gemeinden wirken. Der heutige Rabbiner muß sich stets die Fragen vorlegen: In wie weit ist die jüdisch-religiöse Praxis umzuformcn, damit sie mit den Anschauungen, Forderungen und Lebensbedürfnissen der Gegenwart in Einklang kömmt? Was ist göttlich und unveränderlich in ihr, und welche Satzungen und Bräuche der alten Zeit sind heute noch geeignet, das Ewig-Göttliche in dem Israeliten stets lebendig rege zu erhalten? Welches sind die Schaufäden, die trotz aller schlüpfrigen Pfade der Gegenwart das zeitige Thun und Lassen mit dem Himmlischen und Ewigen verbinden? Jede Zeit und das Leben darin hat ihre Berechtigung; wer aber immer in dem Jenseitigen und Ewigen zu leben (oder in Wahrheit doch nur zu träumen) glaubt, der kann keinen Zusammenhang bringen zwischen Zeit und Ewigkeit. Der Herr vr. Enoch beobachtet eine makellose Küchen- und Magenheiligkeit, so daß er auf seinen Amtsreisen bei keiner jüdischen Gemeinde seines Sprengels gekochte Speisen genießt, wie allenfalls eine Tasse Kaffee, aus Befürchtung, die Küchen möchten nicht streng ->w2 beschaffen sein. Hieraus entspringt aber ein großer Nachtheil für die Wirksamkeit des Rabbinen; denn an Orten, wo man nicht die nothwendige Pflege haben kann, verweilt man auch nicht lange und oft genug, um die Zustände der betreffenden Gemeinden kennen zu lernen. Nirgends dürfte aber einem Rabbinen ein so günstiges Terrain geboten sein, das religiös-sittliche Leben der Israeliten zu fördern, als in der Provinz Fulda; denn die Hochachtung und Liebe vor dem Rabbinen grenzt da an Ehrfurcht. WaS könnte und müßte da aber auch für Synagoge und Schule geschehen! Da ist's noch Zeit, dem Gotteshaus und der Schule die rechte Gestalt zu geben; denn noch ist kein Jndiffercntismus, keine falsche Aufklärerei da eingedrungen; in jenen Gemeinden ist noch die alte innige Liebe zur Religion vorhanden. Ob aber diese alte Liebe zur „Schul" und Schule nicht gänzlich gebrochen wird, wenn man's versäumt, dem religiösen Leben eine edlere und entsprechendere Gestalt zu geben, das ist eine sehr bedenkliche Frage. Der Tag sendet auch dahin sein Licht, das Bewußtsein erwacht auch dort mit der Zeit, dreimal Heil dem Rabbinen und den Gemeinden, wenn alsdann dafür gesorgt ist, daß der alte Geist nicht beschämt zurückzuweichen braucht vor der Frivolität und dem Uebermuth einer leichtdenkenden Jugend. Wie siehl's in den Gemeinden Rhiena, Mansbach, Wehrda, Langenschwarz, Rothenkirchen, Erdmanrode, Burghaun, Buchenau und Steinbach aus! Morgens und Abends, in mehreren Gemeinden sogar täglich drei Mal, strömt Jung und Alt in herkömmlichem Eifer nach dem Gotteshaus, außerdem bestehen in allen Gemeinden die sogenannten rrnan, in Rhiena sogar sechs, worin allsabbathlich mindestens ein religiöser Vortrag gehalten wird. In Rhiena herrscht noch zudem ein lobenswerther Wohlthätigkeitssinn, und ein gewisser Herr Raphael Geis, ein sehr bescheidenes und braves Männchen, leitet und fördert das religiöse Studium mit vieler Liebe und Aufopferung. Doch hat dieses ganze Religionswesen eine so rohe Form, daß man bei dessen Anblick sich wirklich in eine ganz andere Zeit und auf einen ganz fremden Erdtheil versetzt glaubt. Die Religion selbst ist von den entstellendsten Religionsgebräuchen fast verdrängt, was man Gottesfurcht nennt, ist eine bloße Furcht, diese oder jene Ceremonie nicht nach strengster Vorschrift begangen, viel-

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