Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 17 (19.4.1858)
- Date
- 1858-04-19
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Heilige und Erhabene in der MenschennaLur abstumpft, wie er Sittlichkeit und -Keuschheit untergräbt, alles Ehrwürvige lächerlich macht, alle höheren Bestrebungen des Menschen verspottet, dies ist der Taumelbecher, den er der Jugend darreicht und aus welchem sie bald lüstern und begierig schlürft. Es war für Heine ein Unglück, daß sein Geist vorzugsweise eine epigrammatische Richtung nahm und sich in Witzeleien gefiel. Nachdem er diesen Pfad betreten, schwand aller- Ernst aus ihm, und jede tiefere Empfindung kannte nur den Zweck, um so mehr in ein witzelndes Epigramm umzuschlagen. Daß er hierdurch seine ganze schöpferische Kraft verödete, wie er durch ausschweifende Lebensart seinen kerngesunden Körper verheerte, war die gerechte Strafe, welche die Sittlichkeit an ihm nahm. Es war das Unglück Heine's, daß er ein ins Französche übersetzter Deutscher war, lange zuvor in seinem Geiste, ehe sein wirklicher Lebensgang ihn dahin brachte. Daß die jüdische Jugend, und zwar gerade der intelligenteste Theil derselben, sich dieser Heine'schen Richtung zuwandte, war ein großes Unglück; hierin liegt die wahre Ursache der in ihr herrschenden Irreligiosität. Denn erst da, wo das Gefühl für das Höhere und Edlere geschwunden, wo es durch Spott- und Witzsucht ersetzt ist, kann auch der reinste und lauterste Gottglaube nicht wieder Wurzel fassen, und es bleibt höchstens der Umschlag in Pietisterei und Aberglaube übrig. Nicht die scharfsinnigste Philosophie des Atheismus und Materialismus kann solche Verheerung in den Geistern anstellen; denn die gesunde Natur des Menschen wird immer wieder alle Sophismen und Syllogismen von sich stoßen. Aber wo die Wurzel selbst vom Wurme zernagt worden, wo das innere Mark krank ist und faul, da ist die Blüthe auf immer verloren und die Frucht unmöglich. Natürlich ist es, daß aus der Heine'schen Richtung sich dann die Kladderadatsch - Literatur als Schößling herauswand; die Sentimentalität und das tiefere Wesen des ursprünglichen Heine waren verflüchtigt, und es blieb nur die Witzelei übrig; der glänzende Esprit war zu Flimmerstückchen zerfallen. Wir wissen wohl, daß auch eine solche Periode überwunden wird, und gerade dadurch, daß Heine durch Saphir und Consorten hindurch zum Kladderadatsch ward, wird diese ganze Richtung abgestanden und widrig. Die Besserung ist daher sicher näher, als wir glauben. Aber nichts desto weniger müssen wir hierauf unsre ganze Aufmerksamkeit richten. Alle Kraft und alle Anstrengung muß daraus gewendet werden, das Gefühl und die Gesinnung der Jugend wahrhaft zu bilden und zu^festigen, das Hohe und Erhabene, das Wahre und Edle so tief iy sie zu pflanzen, und sie zeitig genug gegen diese verirrte Geistesrichtung zu waffnen, daß diese, ihr nichts niHr Schaden vermag, sondern das Bewußtsein ihrer Hohlheit, Verkehrtheit und Verderbtheit siegreich hervorgeht. Die Versammlung der preußischen Nabbinen. Herr Ober-Rabbiner Bodenheimer zu Crefeld schreibt uns: „Ihren Aufruf zu einer Rabbiner-Versammlung in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums habe ich gelesen. Ob ich derselben werde beiwohnen können, ist noch sehr zu bezweifeln, da mir meine Gesundheitszustände eine Reise bis jetzt noch nicht erlauben. Der Zweck dieses Schreibens ist aber, Ihnen, geehrter Freund, meine ganze Theilnahme und vollständige Zustimmung zu diesem Vorhaben an den Tag zu legen. Mit allen den von Ihnen dargelegren Punkten, namentlich mit denen, bezüglich der Autorität der Rabbiner, welche Sie gegen das Gesetz vom Juli 1847 Hervorbringen wollen, bin ich ganz einverstanden." Herr Rabbiner vr. A. Wiener in Oppeln bemerkt Folgendes: „Nachdem die mannigfachen Anstrengungen, die uns das Fest aufgelegt, unter Gottes Beistand beseitigt find, ist es eine meiner ersten dringenden Beschäftigungen, Ihnen anzuzeigen, daß, wenn kein Hinderniß eintritt, ich mit Gottes Hülfe zu der von Ihnen angeregten Versammlung mich einfinden werde. Außer den von Ihnen bezeichnten Punkten dürfte noch in Betreff der Eensur des Religionsunterrichts auf den Gymnasien ein gemeinschaftlicher Schritt an das Gesammtministerium zu thun sein. Ich werde zur Zeit die bis jetzt darüber gepflogenen Unterhandlungen übergeben und will Sie vorläufig nur von Folgendem in aller Kürze in Kenntniß setzen. „Nachdem das Königl. Provinzial- Schulcollegium die Erlaubniß dazu ertheilt, unterrichte ich im hiesigen Gymnasium durch alle Classen die israelitischen Zöglinge in der Religion, füllte auch in ihren halbjährigen Zeugnissen die Rubrik: „Fortschritte in der Religion" aus; zuletzt wurde der Vermerk über die Fähigkeit in der Religionswissenschaft sogar den Abiturienten in ihrem Abgangszeugniß mit eingetragen. In den jährlichen Programmen des Gymnasiums wurde auch des jüdischen Religionsunterrichts der Gegen-