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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-04-12 · Heft 16 (12.4.1858) · p. Seite 221

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 16 (12.4.1858)
Date
1858-04-12
Page
Seite 221 (sequence 11)
Language
German
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221 glich einem Feuermeer, so blendend und zahlreich waren die verschiedenen in der Nähe des Bahnhofes befindlichen Gaslampen. Da der Bahnzug nur wenige Minuten hier rastete, so hatten wir keine Gelegenheit, die dortigen Schulanstalten, noch die an der Spitze der Gemeinde stehenden Männer kennen zu lernen. Ehe wir uns versahen, hatten wir Leipzig und bald auch Magdeburg, die Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen, erreicht. Wir waren nicht gekommen, die Festungswerke dieser alten Stadt anzusehen, noch den weltberühmten Dom dieser Stadt zu bewundern; waren wir doch Dresden durchflogen und hatten wir doch von Breslau und Leipzig nur die Bahnhöfe gesehen. Einen Mann, der seit einem Vierteljahrhundert einen Ungeheuern Einfluß auf Cultur und jüdisches Leben ausübt, und dem ganz besonders wir unsre Stellung und Eristenz in Ungarn verdanken, waren wir gekommen aufzusuchen, um ihm persönlich für die so uneigennützig erwiesenen Wohlthaten zu danken. Wir durchwanderten an der Seite einer jungen Magyarin mehrere Straßen Magdeburgs, bis wir denn auch bald jenes Arbeitszimmer erreichten, welches zu sehen wir vergebens schon seit Jahren gehofft hatten. So saßen wir eine geraume Zeit, bewunderten die flüchtig von uns oftmals zu neugierig angeschauten Werke; bald jedoch trat Se. Hochwürden, der Herr vr. Philippson ein, welcher uns freundlich begrüßte. Wir wollen nicht reden, welchen Eindruck die bloße Erscheinung dieses Mannes auf uns machte; nur die Versicherung möge der geneigte Leser hinnehmen, daß ich die wenigen Stunden, die ich in dieser Familie zubrachte, zu den schönsten meines Lebens zähle. Gegen Abend bestiegen wir die Eisenach-Haller Bahn. Schweigend und in tiefe Gedanken versunken saßen wir da die ganze Nacht hindurch. Die holde Vergangenheit und das ernste Leben meiner Jugend schwebte an meiner Seele vorüber. Meine Blicke ruhten bald auf den blauen Augen meiner Gattin, welche mich an die schönen, heitern Tage erinnerten, die ich im Magyarenlande in dem Kreise der Ihrigen verlebt, bald auf dem dunkeln Schatten des Waldes, welcher mich an die Jugendjahre erinnerte. Endlich begann die Sonne sich zu zeigen, und siehe, auf einmal lag Cassel vor mir. Trotz aller Aufregung fühlten wir nichts von Vaterlandsliebe, nichts von jenem freudigen Gefühle, welches den Mann überkommt, wenn er nach Jahren die Heimath wieder sieht. Ach, wie könnten wir denn für ein Land schwärmen, welches vor Jahren unserem Volke die Emancipation gab und sie ihm heute genommen, dessen Boden uns ehedem eine Heimath war und heute durch das Geschick zur Fremde ward. Wir nahmen unser Absteigequartier im Hotel Sichel, einer eben so nobel als koscher eingerichteten Oiestauration. Obwohl die Zeit schon ziemlich vorgeschritten war, so erfaßte uns doch eine mächtige Sehnsucht nach unserer Vaterstadt, in das elterliche Haus. Wir verschafften uns einen Omnibus und erreichten nach wenigen Stunden Wolfhagen, unfern Geburtsort, unsre Vaterstadt, die lieben Eltern wohlgemuth, die Geschwister heiter und heute doppelt glücklich. Fast 300 Stunden hatten wir innerhalb weniger Tage glücklich zurückgelegt. Die hessischen Juden sind brave, thätige, lebensfrohe Menschen, die meistens eine gemäßigte religiöse Richtung verfolgen und nur selten ins Ertreme übergehen. Sie sind Handwerker, Kaufleute oder Viehhändler; hier und da trifft man auch tüchtige jüdische Aerzte und Advoeaten. Im Allgemeinen herrscht in Hessen zwischen dem jüdischen Viehhändler und dem christlichen Mitbürger ein gutes Einvernehmen und besteht nicht selten zwischen Beiden ein intimes Verhältniß. Nur in manchen Städten, insbesondere dort, wo der Mysticismus und protestantische Jesuitismus die kernhafte gerade, wenn auch etwas derbe hessische Natur kopfhängerisch und unduldsam gemacht hat, haben wir das vor Jahren bestandene freundschaftliche Zusammenleben zwischen den Israeliten und Protestanten vergebens gesucht. Das, was wir von den untern Schichten der Bevölkerung gesagt, gilt noch weit mehr von dem höhern Bürgerstande, und hat der protestantische Jesuitismus, den der sonst geniale, aber judenfeindliche Vilmar bereits in Hessen angepflanzt und als provisorischer Generalsuperintendent gehörig gepflegt hat, in den bessern Schichten der Bevölkerung keine Wurzel geschlagen. Während unseres 2*/2 wöchentlichen Aufenthaltes in Hessen waren meistens freundliche Herbsttage, die unsre Pläne zu Ausflügen in die Umgegend sehr unterstützten. Ich habe am ersten Tage wwn bin, an einem wolkenlosen, herrlichen Tage, einen Ausflug nach Cassel gemacht und habe auf dem Vurghafungerberg eine Aussicht genossen, die köstlich* war. Vor uns lag die Wilhelmshöhe, eines der schönsten Lustschlösser des Kurfürsten mit dem Winterkasten, jenes hohe achteckige Gebäude, auf welchem sich eine hohe Pyramide mit dem Hercules befindet; neben uns jene französische Kolonie, deren Einwohner einstens dahier als französische Flüchtlinge ein Asyl fanden. Wir schritten freudigen Herzens von dannen und pflückten in der Ahne, wenn auch heute im Geiste, so manches Blümlein, welches wir vor Jahren in der Jugendzeit als Poly- 16**

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