Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 16 (12.4.1858)
- Date
- 1858-04-12
- Page
- Seite 220 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Gotteshauses von der Vollzahl der Mitglieder unserer „deutschen" Gemeinde gefüllt; sie waren so zahlreich erschienen, um Abschiedsworte mit unserm verehrten bisherigen Prediger Dr. A. M. Goldschmibt auszutauschen, der für die erledigte Kanzel nach Leipzig berufen worden ist. Schon in einer vorjährigen zahlreichen Versammlung hatte unser würdiger Prediger eine getreue historische Darstellung über Entstehung und Entwickelung unserer Gemeinde verlesen, die zur Publication sehr geeignet wäre und gewiß auch in fernen jüdischen Kreisen mit Interesse gelesen werden möchte. So sehr sich auch der geehrte Verfasser darin bemüht, seine eigenen Verdienste in den Hintergrund treten und nur diejenigen des Comite'S hcrvorleuchten zu lassen, so verkennen wir doch nicht, daß die gegenwärtige Verfassung unserer Cultusgemeinde zum großen Theil sein verdienstvolles Werk ist. Denn noch vor 20 Jahren war unser Gotteshaus und Gottesdienst gleich allen übrigen Betschulefl mit allem herkömmlichen Ballast vergangener Zeiten überladen, und wurde unsere Gemeinde nur deshalb die „deutsche" genannt, weil ihre Mitglieder die moderne Tracht auiiahmen; aber seitdem vor 18 Jahren der als Hauslehrer hierher berufene 24jährige Candidat der Theologie, Herr Goldschmidt — Anfangs ohne Honorar — an Sabbath¬ und Festtagen in begeisternden Vorträgen dahin wirkte, wurde der Predigt ihre wesentliche Berechtigung im Gottesdienst eingeräuint, und war es zumeist die Kanzel, von welcher aus der in seinem Eifer für die gute Sache unermüdliche Prediger den zwiefach schweren Kampf gegen Orthodorie und Jndifferentismus kämpfte, Mißbräuche von Gotteshaus und Gottesdienst entfernte; und gern weilen wir jetzt in den heiligen Räumen des erbauten, würdig eingerichteten Tempels und finden Erbauung bei einem durch Predigt und Chorgesang gehobenen Gottesdienst. Kein Wunder also, daß Niemand fehlen wollte, als Di'. Goldschmidt zum letzten Male sein eindringliches Wort an uns von der Stätte aus richtete, wo unS seine inhaltreiche und begeisternde Rede so oft für die gute Sache zu entflammen wußte. — Der verehrte Redner überschaute in seinem diesmal ganz besonders ergreifenden Vortrage den mit der Gemeinde verlebten Zeitraum, legte Rechenschaft ab von seinem Wirken, sprach Worte der Versöhnung mit allen Parteien, berührte die noch zu beseitigenden Mängel, gab Rathschläge für die Wahl seines Nachfolgers und schloß mit tiefergreifenden Abschiedswortcn. — Und als seine letzten Worte: -m« 'n "8« 'n bn-nw -uw erklangen und Sängerchor und Gemeinde sie aufnehmend, in wehmulhsvollen Tönen widerhalten, da blieb kein Auge thränenlcer und fühlten Alle den gemeinsamen Verlust. — Nachdem der Prediger die Kanzel verlassen, wurde ihm vom Comite unter Vortritt des Vorstehers Herrn Adam Epstein mit herzlicher Anrede ein kostbares Angebinde im Namen der Gemeinde übergeben und eine Dankadresse für seine 18jährige segensreiche Wirksamkeit verlesen und überreicht. — Correspondenz. Meine Reise über Galizien nach Deutschland. Von Jsaae Aosenrneyer, Oberlehrer in Homonna. (Siehe No. 11. d. Bl.) III. Die Bahnstrecke von Krakau bis Magdeburg wurde gleichsam von uns durchflogen und obwohl sie der angenehmen Bilder recht viele bot, so gingen sie doch eben so rasch an uns vorüber, wie wir sie gesehen. Die Gegend von Krakau bis Myslovics war voll der reizendsten Abwechslung von Flur, Wiese und Haide, dazwischen überall Tannenwälder, Bauernhöfe und Dörfer. Obwohl die Bevölkerung slavisch blieb, so war doch das galizianisch weiße Hemd verschwunden; es hatte dem blauen Platz gemacht. Die Gestalten wurden immer kräftiger, Blick und Haltung freier, die slavische Sprache allgemeiner, der jüdisch-deutsche Dialekt seltener. Je näher gegen Myslovics, desto häufiger steht man den halbhohen slavischen Hut und die kurze Pfeife in dem Munde des lebensfrohen Slaven. Neben uns im Waggon hatten einige polnische Juden Platz genommen, die uns durch ihren angeborenen Witz und Tiefe des Geistes die Zeit verkürzen halfen. Mehr als ein Mal mußten die heiligen Wundermänner Galiziens Stoff zu Witzen geben und jedes Mal wurden wir, wenn wir uns. zu viel erlaubten, mit dem beliebten Stichelwort ,,a Datsch" zur Milde gestimmt. Hat man sich einmal an den polnischen Dialekt gewöhnt, so findet man den galizianischen Juden unterhaltend, liebenswürdig und geistreich. Breslau erreichten wir gegen 10 Uhr Abends; eS