Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 16 (12.4.1858)
- Date
- 1858-04-12
- Page
- Seite 218 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226093-3226110--16830-3245705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
218 ten die üblichen Gebete zu verrichten. Die Letzteren (die Reformjuden nämlich) sangen deutsche Choräle und hörten eine Rede des Dr. Geiger, um sich dann ebenfalls über das weite Leichenfeld zu zerstreuen und an den Gräbern verstorbener Verwandten die üblichen Gsbete zu verrichten. Und hier, an den Gräbern, trafen sie sich wieder, die „Alten" und die „Neuen", und knieten neben einander und beteten neben einander, und die Thränen, die ihren Augen entrannen, vermischten sich mit einander, und die Seufzer, welche ihren Herzen entstiegen, verklangen und verschmolzen in einander — und kein Unterschied und keine Trennung war mehr zu merken über der Erde, wie unter derselben jemals weder Unterschied noch Trennung stattgefunden. — Der oder Jener hätte hier so manche nützliche Studie machen können. — Doch wir wollen lieber zu den Lebenden zurückkehren. — Bekanntlich bestehen in der Gemeinde Breslau zwei getrennte Religionsunterrichts - Anstalten, deren eine unter Tiktin's, die andere unter Geiger's Aufsicht gestellt ist. In ersterer, welche von Herrn Dr. Samelson geleitet wird, hat am 2t. d. M. die Prüfung der Zöglinge stattgesunden und ist, wie immer, in allen Gegenständen befriedigend ausgefallen. Die Abgehenden wurden von Herrn LaildeSrabbiner Tiktin durch eine paffende Ansprache feierlich entlasten. Der Zuhörerrauin war gedrängt voll. — Acht Tage später, nämlich am 28. d. M., hat — bei sehr großer Betheiligung von Seiten des Publikums — die öffentliche Prüfung der Zöglinge der andern Religionsschule stattgehabt und ebenfalls in allen Unterrichtsfächern befriedigende Resultate geliefert. Auch hier wurden zum Schluffe die Abgehenden durch feierliche Ansprache des Jnspectors (Herrn Dr. Geiger) aus der Anstalt entlassen. — Bei dieser Gelegenheit möge auch einer Unterrichtsanstalt erwähnt sein, welche in der Gemeinde Breslau bereits feit 1801 besteht und am 21. d. M. ihr 57stes Jahresfest begangen hat. Es ist dies die „Industrieschule für arme Mädchen", deren Zöglinge indeß nicht blos in allerhand weiblichen Handarbeiten, sondern auch in der Religion, wie in sämmtlichen Elementarfächern unterrichtet werden. Herr Lehrer Bloch ist Leiter, Herr Dr. Geiger Inspektor der Anstalt. Letztere, welche in der Regel von mehr als hundert Schülerinnen frequentirt ist, wird theils durch fortlaufende milde Beiträge, theils durch Schenkungen und Legate und theils endlich durch Zuschüsse aus der Gemeindekaffe erhalten. Im eben abgelaufenen Schuljahre sind in der Anstalt 113 arme Mädchen unterrichtet worden. Die Anzahl der Beitragenden hat 379 und der Zuschuß aus Gemeindemitteln 100 Thlr. betragen, welche Summe auch für weiter Seitens des Gemeindevorstandes bewilligt worden. Das Jahresfest am 21sten d. M. hat sich einer außerordentlich großen Theilnahme Seitens des Publikums zu erfreuen gehabt. Mit der „Ausstellung von Musterarbeiten" ward, wie immer, auch eine „Prüfung der Zöglinge" verbunden. Beide Theile der Feier, Ausstellung wie Prüfung, haben allgemein befriedigt. Fünf abgehende Schülerinnen entließ Herr Dr. Geiger durch eine Rede, in welcher er, über „Arbeit" sprechend, diese als ehrend und ernährend, erhebend und verklärend darstellte. Am Tage vor der Feier verstarb die älteste Lehrerin der Anstalt, Frau Clara Kiefer, welche 44 Jahre lang mit ausgezeichneter Treue und Hingebung am Institute segensreich gewirkt hatte. — In der Gemeinde Beuthen (Oberschlesien) besteht ein „Verein zur Beförderung der Handwerke unter den Israeliten", welcher im Jahre 1844 durch den in Gott ruhenden Rabbiner Israel Deutschs gegründet worden und am 18. d. M. sein 14. Stiftungsfest würdig gefeiert hat. Der Jahresbericht, welcher vom ersten Vorsteher abgestattet wurde, ergab zur Freude aller Anwesenden, daß der Verein gegenwärtig über ein Capital von 900 Thlr. verfügt, so wie daß durch dessen Unterstützung bereits 50 Lehrlinge zu Gesellen herangebildet worden, von denen schon Einige als Meister sich etablirt haben. Neben der Beförderung der Handwerke unter unfern Glaubensgenossen gehört es auch zur Tendenz des gedachten Vereins, hülfsbedürfti'gen Meistern durch Gelduntcrstützung oder zinsfreies Darlehen unter die Arme zu greifen. — Unter den Vorträgen, welche während des vergangenen Winters im Frauenverein zu Liegnitz gehalten wurden, hat sich der des Predigers Dr. Moritz Landsberg: „Ueber die Pharisäer und Sadducäer, zwei politische (nicht religiöse) Parteien im Judenthume" — durch die Eleganz und den Bilberreichthum der Sprache ganz besonders ausgezeichnet. — Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 17. März. (Privatmitth.) Diese Zeitung hat in letzter Zeit öfters die Frage bezüglich jüdischer Sträflinge in Gefangenhäusern berührt. Es freuet mich daher, zu berichten, daß in Oesterreich in wahr-