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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-04-05 · Heft 15 (5.4.1858) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 15 (5.4.1858)
Date
1858-04-05
Page
Seite 206 (sequence 10)
Language
German
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206 Unterdrückung der Israeliten keine Rede sein. (Freilich kann dieses nur bei den aargauischen Israeliten geschehen, weil die andern französische Bürger sind.) Da man auch in Beziehung geschichtlicher Verhältnisse der Israeliten in der Schweiz ausserhalb des Landes noch sehr im Dunkeln irrt und die Wenigsten wissen, daß seit alten Zeiten Juden in diesem Lande wohnen, so sei cs mir erlaubt, solgende Notizen für Ihr verehrlicheS Blatt mitzutheilen. Lange vor der Berfolgungsgeschichtc von 1349 wohnten in vielen Orten und Städten der Schweiz Juden, wie z. B. in Bern, Basel, Zürich, Luzern, Schaffhausen, Gens, Winterthur, Zofingen, Rapperswyl, Mellingen, Mommern, Steckborn u. s. w. Beweise sind hierfür alte Urkunden, Judengassen und Judengäßli, die sich dem Namen nach in vielen großem und kleinern Städten bis heute erhalten haben, so wie die schweizerischen alten Chroniken, die besonders viel von der Judenverfolgung von 1349, so wie von der Belagerung des Kaisers Rudolph erzählen, der im Jahre 1288 mit einem Heere von 30,000 Mann vor Bern kam, weil diese Stadt ihre Juden verbannte, wegen Beschuldigung eines Mordes, den der Jude Joel an einem Christenknaben, Namens Ruof, begangen haben soll. Es ist sehr wahrscheinlich, daß zu dieser Zeit die verbannten Juden von Bern in den Aargau gezogen sind, um da unter dem österreichischen Schutze zu leben, indem der Aargau noch zum Hause Oesterreich gehörte. Vielleicht sind später 1349 noch andere Juden hierhergekommen, wo sie unter dem Schutze der Grafen von Habsburg sicher vor Verfolgungen waren. Zwei Stunden von hier, nahe bei der Mündung der Aare, liegt im Rheine eine Insel, wo ein alter jüdischer Begräbnißort sich befindet mit noch vielen hebräischen Grabsteinen. In Zürich befanden sich noch vor 1830, da die Schanzen dieser Stadt abgetragen wurden, auf der Ringmauer, dem Fröschengraben gegenüber, hebräische Grabsteine. Ulrich weist in seiner „Sammlung jüdischer Geschichten in der Schweiz" den Ort nach, wo die Juden ihre Begräbnißstätte in dieser Stadt hatten. In dieser Sammlung wird auch urkundlich nachgewiesen, wie die Juden zu Bern, Basel, Luzern, Zürich und andern Orten viele Freiheiten besaßen, Häuser und Güter als Eigenthum angekauft, ihre Synagogen hatten und freien Handels und Verkehrs sich erfreuten. — Die Verfolgungsgeschichte von 1349 ist von Zofingen, einer Stadt im Aargau, ausgegangen. Der schon citirte Ulrich sagt: „Zofingen hatte vor gar langen Zeiten her Juden, und es hat sich diese Stadt in Absicht auf die Juden berühmt gemacht. Denn von diesem Orte her breitete sich der erste Ruf aus, die Juden haben die Brunnen vergiftet. Man schickte von daher ganze Säcke voll Gift, welche von den Juden in die Brunnen sollen geworfen worden sein, wodurch denn diesen unglückseligen Leuten in den damaligen barbarischen Zeiten unzähliges Uebel auf den Hals geladen worden." Eine neue Sammlung der auf Juden Bezug habenden Urkunden, welche sich in den Archiven zu Zürich, Bern, Basel und Aarau, so wie im eidsgenössischen Archiv befinden, würde mit Benutzung der Sammlung von Ulrich — Zürich 1773 — für den Freund der jüdischen Geschichte von Interesse sein und liegt eine solche Arbeit schon lange im Plane des Einsenders. Auch in Beziehung der Bestrebungen um bürgerliche Gleichstellung der Israeliten muß bemerkt werden, daß dieselben sich nicht erst seit einigen Jahren datiren, sondern sogar in das vorige Jahrhundert hinüberreichen. Im Jahre 1798 wurden im Schoße des helvetischen großen Rathes lange und heftige Debatten über die Emancipation geführt und dauerten dieselben vom 31. Mai dieses JahreS bis zum 13. Februar 1799. In 15 Sitzungen wurde von einigen Judenfeinden alles DaS aufgetischt, was Bortiirtheit und Judenhaß gegen Judenthum seit Jahrhunderten ersonnen und verbreitet, während die Koryphäen des schweizerischen Liberalismus auch hier wie überall für Menschenrecht in die Schranken traten. Ein Suter, Verfasser der Flora helvetica und anderer gelehrter Werke, ein Usteri, Escher von der Linth, Carrard, Billeter und Andere entwickelten mit vieler Beredtsamkeit die Rechte der Juden und wußten mit vieler Sachkenntniß die Vorurtheile gegen dieselben zu bekämpfen. Der gelehrte Suter entwarf dabei in kurzen, aber scharfen und treuen Umrissen eine Geschichte der Juden, um zu beweisen, wie sie zu jeder Zeit nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft waren. Das Resultat dieses Kampfes war, daß die Juden von allen besondern Lasten befreit wurde». 1803 kamen die Israeliten im Aargau abermals um bürgerliche Gleichstellung ein, ihr Gesuch wurde vertagt. 1809 erst wurden sie eigentlich in den bürgerlichen Verband ausgenommen. 1814 wurden von der Regierung neben den Chedarim deutsche Primär- oder Normalschulen eingeführt und die Eltern dazu obligatorisch verpflichtet, ihre Kinder

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