Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 15 (5.4.1858)
- Date
- 1858-04-05
- Page
- Seite 202 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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SOS wiederholt gemachten Versuchen an, einzelne große Geschichtsepochen in dem Gewände des Romans dem größeren, in seiner Leetüre nur Unterhaltung suchenden Publikum zugänglicher zu machen. Sie theilt die Vorzüge dieser Art der historischen Schilderungen, ohne jedoch ihre - Schwächen völlig vermieden zu haben. Es konnte nicht fehlen, daß, sobald dem Verfasser sichere historische Quellen abgingen, er der nöthigen Abrundung halber gezwungen war, dieselben entweder durch Fiktionen zu suppliren, oder Schriftwerke zu benutzen, denen man, insbesondere vom jüdischen Standpunkte aus, jede Bedeutung eines historischen Dokuments absprechen möchte, was freilich auch unbegreiflicher Weise in neuester Zeit Historikern von Fach begegnet ist. Es trifft dieser Tadel vorzugsweise die fünfte Novelle, welche die Zeit schildern soll, in die man die Entstehung deS Christenthums zu setzen gewohnt ist, so der „Auszug aus der Geschichte der jüdischen Nation", den der Verfasser seinen eigenen Werken nach geben will, wird hier zu einem Ercerpt aus den Evangelien und zwar nicht einmal zu einem getreuen, denn der Kaiphas des Verfassers ist nicht der des neuen Testaments, sondern das wohlgelungene Portrait eines italienischen oder hispanischen Pfaffen aus dem 15. oder 16. Jahrhundert, als alle Welt nach einer Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern schrie und sie theilweise auch durchführte. Verfasser scheint hier wie an einigen andern Stellen durch die gewiß löbliche und gutgemeinte Tendenz irre geleitet zu sein: den Samen religiöser Duldsamkeit und allgemeiner Nächstenliebe in die Gemüther seiner Leser auszustreuen. Er sagt in seinem Schlußworte: „Bei den Berichten aus dem Mittelalter sah ich mich oft in die traurige Nothwendigkeit versetzt, dem Christenthume zu nahe zu treten, wofür ich demselben aufrichtige Abbitte thue." Verfasser befindet sich in einem Jrrthume, wenn er glaubt, daß durch den Bericht der durch Christen verübten Judenverfolgungen dem Christenthume als solchem zu nahe getreten werde und in einem noch größeren, wenn er es für nöthig hält, hierfür Abbitte thun zu müssen. Besonders gegen die in dieser Abbitte liegende Moral müssen wir auf das Lebhafteste protestiren; sie ist weder allgemein menschlich, noch specisifch jüdisch. Um für dies vermeintliche „zu nahe zu treten" ein Aequivalent zu geben, scheint er es für nöthig gehalten zu haben, auch jüdische Verhältnisse und Charaktere von einer unvortheilhaften Seite darsteüen zu müssen, zumal sein Buch auch für christliche Leser berechnet ist. Wäre die historische Treue hierbei gewahrt worden, so ließe sich hiergegen nichts einwenden. Die Geschichte keines Volkes ist und kann ohne Schattenseiten sein; aber eS sind hier einem jüdischen Hohenpriester Sentenzen in den Mund gelegt, die nicht nur den Juden, sondern dem ganzen Alterthume fremd sein mußten und so entsteht bei dem Leser ein durchaus falsches Bild der geschilderten Zeit und die Tendenz, „das innere und religiöse Leben der jüdischen Nation, deren Licht - und Schattenseiten, ihre Kämpfe und Verirrungen dem Auge des andersgläubigen Publikums darzustellen", wird eben so verfehlt, wie jene andere: „den Samen religiöser Duldung und allgemeiner Nächstenliebe auszustreuen", denn Niemand wird durch Vorhalten fingirter Fehler zur Duldung gestimmt. Wir können ferner nicht umhin, dem Verfasser vorzuwerfen, daß er in einem Buche, welches seiner sonstigen Beschaffenheit nach besonders für das reifere Jugendalter geeignet gewesen wäre, einzelne Zweideutigkeiten mitunterlaufen ließ. Sie hätten ohne Nachtheil wegbleiben können und ein Charakter, wie der der hasmonäischen Mariamne hätte nicht durch sie entstellt werden dürfen. Unsere bisherigen Ausstellungen treffen indessen nur das erste Bändchen; in den vier folgenden ist uns wenig begegnet, was wir anders gewünscht hätten. Die Schilderungen sind anziehend und lebhaft, die Diktion rein und gewandt, nur zuweilen dem Geiste der als redend eingeführten Persönlichkeiten zu wenig angepaßt. Aufgefallen ist es uns, daß der Verfasser den Spinoza zum Christenthume übertreten läßt. So viel uns bekannt, findet sich hier nirgends eine Bestätigung; die Namensänderung des Baruch in Benedictus geschah wohl nicht bei der Taufe, sondern auf dem Titel seiner lateinisch abgefaßten Schriften. Zum Schluffe können wir nur wünschen, daß der Verfasser das erste Bändchen und das erste Capitel des zweiten nach obigen Andeutungen umarbeite, damit sein Werk in die Hände der jüdischen Jugend gegeben werden könne, wovon wir in der jetzigen Gestalt nachdrücklich abrathen müssen. vr. M. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Fürth, Ende Februar. (Privatmitth.) Schon seit früherer Zeit eristirte unter der hiesigen ReligionSgemeinde eine Gesellschaft zum Zwecke der nbs Ist ja nach rabbinischen Begriffen zur Erhaltung und Vermehrung der menschlichen Gesellschaft einerseits — rnrab.«. ’irfnb sb — und zur Berhü-