Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 15 (5.4.1858)
- Date
- 1858-04-05
- Page
- Seite 199 (sequence 3)
- Language
- German
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199 Hastigkeit und Tüchtigkeit der Gesinnung abgestumpft, ein begeisterndes Gefühl in ihnen ertödtet. Man ist von einer Einseitigkeit in die andere verfallen; es ist nun Zeit, daß man zur rechten Erkenntniß gelange und in die rechte Bahn einlenke." Jedermann wird diese Worte an und für sich eben so wahr und richtig, wie schön und zutreffend finden. Für uns aber liegt noch in demselben die Veranlassung zu einer besonderen Erwägung. Vom Beginne unserer Laufbahn an haben wir als unsere Grundanschauung aufgestellt, daß daS wahre Leb en Sprincip deSJudenthumö die geschichtliche Entwickelung des JudenthumS auf dem Boden der Thorah und der ganzen heiligen Schrift sei. Wir haben dies in den ersten Aufsätzen der ersten Auflage unseres „Predigt- und Schulmagazins," in den ersten Abhandlungen dieser Zeitung, sowie durch alle Leitartikel derselben hindurch ausgesprochen und verarbeitet. Wir haben diese Entwickelung schon in der Thorah, dann in den übrigen Schriften der Bibel*) und hierauf in allen Phasen des JuventhumS nachzuweisen immer widerholt uns bemüht. Wir haben daher ebenso entschieden ein sogenanntes orthodores Judenthum, welches unsere Religion an den geschriebenen Buchstaben selbst der vorletzten Jahrhunderte auf immer fesseln, und diesen selbst als vom Smai ausgegangen, ausgeben will, von uns gewiesen, wie ein sogenanntes Reformjudenthum, welches ein selbstgeschaffenes formulirtes Princip aufstellen, und danach ein modernes Judenthum willkürlich zurecht machen will. Wir haben jenes zurückgewiesen, weil es dem großen Werke der göttlichen Vorsehung, die Juden in der Neuzeit aus dem Ghetto des Lebens und des Geistes heraus führen und zur Einwirkung in das allgemeine Leben der Menschheit berufen wollte, unvereinbar gegenüber steht; wir verwarfen diesen, weil es dem Wesen des Judenthumes unvereinbar gegenüber steht, und eine willkürliche, unbafirte und einflußlose Schöpfung des Tages aus dem Juventhume der Jahrtausende machen wollte. Wir erklärten vielmehr, und das waren vor Jahrzehenden unsere eigenen Ausdrücke, daß das geschichtliche Judenthum mit seinem unwandelbaren Inhalte der Wahrheit, des Rechts und der Liebe und mit seiner beständigen, stetigen Entwicke¬ *) G. z.B. den Aufsatz: „Ueber die fortschreitende Entwickelung deS GottesbegriffeS in der heiligen Schrift," in der ersten Auflage unseres Predigt- und Schulmagazins", die ihrem wesentlichen Inhalte nach spater in unser Bibelwerk ausgenommen worden. lung an Erscheinung, Durcharbeitung und Lebensgestaltung das allein wahre Judenthum ist, und die Forderungen und Bedingungen seiner weiteren Entwickelung unter den sich verändernden, großen, weltgeschichtlichen Verhältnissen in sich trägt. Dieser Anschauung blieben wir unerschütterlich treu; von diesem Wege find wir niemals abgewichen. Man schlage die Verhandlungen der Rabbinerversammlungen nach, und lese unsere damaligen Aeußerungen über die Nothwendigkeit der hebräischen Sprache, über die Beibehaltung des Mussaph, über den Sabbath und die Beschneidung: man lese die Predigten, welche wir zu ihrem Anfang an die Berliner Reformgenoffenschaft richteten, als diese noch weit ab von ihrem nachherigen Wege war; und man wird überall Dasselbe finden. Es ist aber einfichtlich, daß eine solche Anschauung bei den äußersten Parteien keinen Anklang finden kann, weil sie nämlich gegen beide Front macht. Die Einen suchen sie als „Principlofigkeit" zu stempeln, weil sie eben kein selbstgeschaffenes, formulirtes Princip, von welchem das Judenthum niemals etwas wissen wollte, anerkennen wollen. Die Anderen wollen darin „Wendungen" erblicken, während sie selbst nur die unbedingte Erstarrung als die Wesenheit des Judenthums ausgeben, ohne daß sie jedoch sich nicht selbst Tag für Tag derselben entziehen. Wir konnten ruhig darüber hinwegsehen. Denn wir wußten, daß derjenige Theil der Juvenheit, welcher wahrhaft noch in seiner Religion lebt, und weder nach rechts noch nach links dem bloßen Scheine huldigt, unsere Ansicht theilt, und unmittelbar deren eigenes Leben ist. Wir konnten ruhig sein, wenn indem bis jetzt allerdings nur von Parteigängern verfaßten, geschichtlichen Darstellungen des Judenthums in der neueren Zeit, wie von Jost, Stern, in der Brockhaus'schen „Gegenwart" die Aufstellung eines solchen reformirten Reformprincips als Basis, Tendenz und Ziel des gegenwärtigen JudenthumS hingestellt, und unserer eben nur als beiläufiger, praktischer und eifriger Mitarbeiter gedacht wurde; denn wir wußten wohl, daß diejenigen Männer der Reformpartei, welche nicht blos der Theorie leben und außerhalb deS eigentlichen jüdischen Lebens ständen, sondern in der Praxis die Wahrheit ihrer eigenen Theorien erproben, zurückkehren und zuletzt unsere Anschauung adoptiren werden. Die oben angeführten Worte Geigers haben unsere Voraussicht vollkommen bestätigt, und waren uns daher in ihrer Energie und Offenheit nur um so willkommener. Nein! das Judenthum ist kein mit Felsstücken ummauerter Brunnen, noch eine von Backsteinen eingefaßte 15*