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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-04-05 · Heft 15 (5.4.1858) · p. Seite 198

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 15 (5.4.1858)
Date
1858-04-05
Page
Seite 198 (sequence 2)
Language
German
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198 anderswo suchen. Aber Augendienerei aus irgend einer Absicht ist ganz unzweckmäßig. Factisch verfehlen solche Autoren auch ihren Zweck auf beiden Seiten. „Man steht die Abflcht und wird verstimmt." Keiner zählt fie zu den Seinen; der Christ verwirft ihre jüvelnde Seite, der Jude ihre christelnde Seite. Das wahre Lebensprincip des Iudenthums. Wir erhielten in diesen Tagen das Programm Dr. Geiger's zur öffentlichen „Prüfung der jüdischen Religions-Unterrichts-Anstalt", welche derselbe leitet. Wir heben aus demselben folgende Stelle hervor. „Unter den bestimmenden Verhältnissen, welche den Menschen bereits bei seiner Geburt empfangen und ihn durch das ganze Leben begleiten, also des eingreifendsten Emflusses auf das innere Wesen nicht ermangeln können und dürfen, ist eines der wichtigsten: das Religio ns - bekenntniß. Dem kindlichen Gemüthe namentlich muß die Religion in einer bestimmten Form entgentreten, welche auch äußerlich im Cultus, in heiligen Festgebräuchen, in häuslicher Gottesverehrung seine Aufmerksamkeit erregt und die Ahnungen des Höheren in ihm erweckt. Je höher der religiöse Gedanke ist, je tiefer die Empfindung, um so lebendiger und anschaulicher muß auch deren Ausdruck sein, damit ste nicht zu einem ganz Ungreifbaren werden, nicht in unnahbarer Höhe erblassen. Die geschichtliche Religion mit ihrer reichen Vergangenheit und ihren durch lange Jahrhunderte festgesteUten Ordnungen bietet deshalb eine Nahrung, welche die reinste und gottgläubigste Philosophie zu erreichen nimmer im Stande ist. Auch die historische Religion hat ihren bestimmten Kreis von Bekennern, bildet ein abgeschlossenes Ganzes, worein der Mensch durch seine Geburt versetzt wird, und soll dieselbe ihren heilsamen Einfluß vollkommen ausüben, so muß auch für sie das achtungsvolle Selbstgefühl vorhanden sein und gepflegt werden. Der Jude muß im Judenthume freudig das segenspendende Gefäß erblicken, die große Gottesoffenbarung an Israel und die Menschheit, inne werden des großen Berufes, der mit ihm der Gesammtheit und jedem Einzelnen in ihr übertragen worden; wendet er fich im Gegentheile kalt ab, blickt theilnahmloS auf dessen Bewegung und Gestaltung in der Gelchlchte hin, ignorirt er es vornehm, spottet seiner Auswüchse, uneingedenk seines großartigen Gesammteinflusses, so verstopft er fich selbst eine Quelle begeisternder Erhebung, nährt einen Zwiespalt zwischen fich und seiner religiösen Lebensstellung, der niemals ohne nachtheiligen Einfluß auf innere Gemüthsentwickelung bleibt. Die traurige Lage, in welcher dieses Bekenntniß fich so lange befand, die Mißachtung und Nichtbeachtung, die noch heutigen Tages so vielfach von Außen ihm begegnet, erregt in Manchem, der von fremden Urtheilen abhängig ist, gleichfalls Unzufriedenheit, Geringschätzung des ihm übertragenen geistigen Schatzes. Um so mehr bedarf es in der Erziehung der frühzeitigen Kräftigung, daß der Werth und die Bedeutung des Judenthums in dem Kinde zur Anerkennung komme." „Ist es demnach nicht eine bloße Phrase, wenn jüdische Eltern versichern, es sei ihnen eine Herzensangelegenheit, daß ihre Kinder im religiösen Sinne erstarken, so ist es ihre Pflicht, fie in der historischen Religion, im Judenthume zu erziehen, fie frühzeitig mit dessen Urkunden und Geschichte bekannt zu machen, damit Liebe und Anhänglichkeit zu demselben geweckt, das freudige und belebende Selbstgefühl aus demselben geschöpft werde. Tief betrübend ist daher die nicht seltene Erfahrung vom Gegentheile. Zu Allem wird möglichst frühzeitig angeleitet, der Religionsunterricht von Jahr zu Jahr verschoben; für alle Sprachen ist Zeit vorhanden, muß solche aufgefunden werden, für die kargen Augenblicke, die dem Hebräischen gewidmet werden sollen, reicht fie nicht aus. Auch der gebildete Kaufmann verlangt, daß sein Knabe einige Kennrmß von dem Lateinischen und Griechischen erlange, nicht weil sein künftiger Beruf es fordert, sondern weil eine höhere allgemeine Bildung dadurch geweckt wird. Gilt es jedoch die Erlernung des Hebräischen, welches den Juden in die innige Verbindung mit Vergangenheit und Gegenwart seiner Religion setzt, welche daher eine reiche Nahrung für das Gemüth giebt, so begegnet man so häufig der Frage: cui bono, zu welchem Zwecke? Als wenn Unterricht nicht Erziehungsmittel sein müßte! So lange nicht ein jüdisches Selbst- und Ehrgefühl, ein lebendiges Bewußtsein von der großen Aufgabe des Judenthumes und seiner Bekenner, ein gerechter, von allem Dünkel freier Stolz auf die Großartigkeit der jüdischen Geschichte, der ein jeder Jude als ein Glied mit angehört, die volle Theilnahme an der weiteren, in dem ganzen Bildungsgänge der Menschheit wahrlich nicht einflußlosen Entwickelung des JudenthumS — so lange diese Güter nicht den Kindern übertragen werden, ist ihnen die volle innere Einheit entzogen, ein mächtig wirksamer Sporn zur Ehren-

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