Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 14 (29.3.1858)
- Date
- 1858-03-29
- Page
- Seite 192 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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telkeit des Volkes beleidigte, schmerzlich zu empfinden hotte. Wir ergreifen daher nach einer Pause von etwa zwei Jahren, seitdem wir in Ihrem geschätzten Organe eine ausführliche und treue Schilderung aller unserer hiesigen Zustände gaben, abermals die Feder, unfern entfernten Glaubensgenossen eine ähnliche Mittheilung zu machen. In unfern socialen Zuständen ist seit zwei Jahren keine bedeutende Veränderung eingetreten. Die Zeiten haben sich verschlimmert; Grundeigenthum ist im Werth bedeutend gesunken; der Handelsstand klagt im Allgemeinen, so daß manche Familie, die es im Stande ist, sich aus dem Tumulte des californischen LebenS nach dem mehr stäligen Osten zurückzieht; obgleich andererseits der Andrang von neuen Einwanderern in Folge der finanziellen Krisis in den atlantischen Staaten bedeutend ist. Wir haben daher einen Anwachs von armen Familien und einen Verlust von reichern zu bedauern. „Du hast das Volk vermehrt, und nicht die Freude". Die Zunahme der Masse wirkte nachtheilig auf ihren innern Gehalt. Dieses Factum, wie auch die nähere Bekanntschaft der sich hier tummelnden Stämme hat die ideale Meinung über Juden mehr aus den realen Zustand herabgesetzt. — Der sociale Verkehr mit den christlichen Bürgern ist allgemein sehr beschränkt. Nur selten findet man Juden in christlichen Häusern oder Christen in jüdischen; nur die Familien, die sich über dem Niveau des allgemeinen Volkes dünken und daher nie ihren Gesellschaften und Vereinen sich anschließen, nur diese sind enger mit den christlichen als den jüdischen Familien verbunden. In unfern religiösen Zuständen ist leider seit zwei Jahren kein Fortschritt bemerkbar. Mendelssohn urtheilt ganz recht, wenn er sagt: „der Despotismus ist bündig"; die leidige Freiheit artet unter unserer Masse in Frechheit aus. Weder die Form noch das Wesen des religiösen Lebens ist in der Familie oder im Gesammtleben würdig erhalten. Feier- und Sabbathtage werden im Allgemeinen nicht beobachtet; selbst die Frauen machen am Sabbath Einkäufe, welches, da solches von Christen am Sonntag nicht getban wird, uns in kein glänzendes Licht vor dem Publikum stellt. Jedoch, wenn auch das religiöse Bewußtsein aus dem Herzen, aus der Wohnung und dem Leben gewichen, hat es dennoch in der Küche und auf dem Kirchhofe sich ein Plätzchen zu behaupten gewußt. In vielen Häusern wird noch Koscher-Fleisch gekauft. Jedoch muß bemerkt werden, daß solches noch vom größer» Theile, das heißt von der deutschen Gemeinde, als koscher gehalten wird, obgleich der Schochat als Schlächter am Sabbath den Scharren offen hält. Auch bei Todesfällen wird der todte Formalismus beobachtet, und ist eö sonderbar, die Macht des Aberglaubens zu beobachten; Leute, die weder dem Wesen noch der Form der Religion huldigen, die weder Sabbath noch Speisegesetze beobachten, oder sonst eine Spur von Religiosität an den Tag legen, machen Anfragen, ob sie während der Schibah diesen oder jenen (ungegründeten) Gebrauch beobachten müßten. Wir kommen nun jetzt auf das Gemeindeleben. Um von diesem ein treues Bild zu geben, verweisen wir mit tiefem Schmerzgefühl auf das Bild in Daniel. Jedoch haben wir hier nur das Eisen, den Thon und das Erz, das Gold und Silber nicht. Um kurz vom ganzen Zustande zu sprechen, so bemerken wir, daß, wenn auö Californien von „Gemeinde" außer San Francisco die Rede ist, so ist darunter nicht mehr und nicht weniger als ein Unterstützungsverein zu verstehen, der außer Unterstützungen i-h und S' Minjan macht, so weit erstreckt sich die ganze Thätigkeit jener Gemeinde, wie Sie, Herr Redacteur, aus den Artikeln des „Gleaner“ im „Asmonean“ ersehen werden. Die Beiträge zu diesen Gemeinden sind von einem bis zum halben Dollar monatlich. Nur Sacramento hat einen Mann gemiethet, der Vieh schlachtet und den sie als Schochat besolden. Nun auf das Traumbild in San Francisco. Hier sind die Racen durch die dunkle Mauer des Nationalvorurtheils streng getrennt: eine polnische und eine deutsche Synagoge; ein polnischer und ein deutscher Unterstützungöverein für Männer; eine polnische und eine deutsche Unterstützungsgesellschaft für Frauen; und so consequent ist diese charakteristische Erscheinung, daß selbst die-jungen Leute, die nun auch gegenseitige Unterstützungsvereine zu gründen für vortheilhaft fanden, die deutschen jungen Leute, nach dem Modell der deutschen Synagoge, einen aristokratischen Ton simulirend, den bescheidenen Namen „Uobrew young mans Literary Association“ („Hebräischer junger Leute Literar- Verein") sich beilegten, während die polnischen sich „Hebrath bickur Holim Lkdoschah“ nennen. Mit dem Synagogenwesen sind wir noch nicht über die Rudimente hinaus. Was auch immer die Stimme in den