Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 14 (29.3.1858)
- Date
- 1858-03-29
- Page
- Seite 191 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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191 Wer die beißendsten Bemerkungen, oder die schärfsten und dabei witzigsten Devisen austheilt, ist Maskenkönig. Jedes junge Mädchen, jede Frau, ja fast jeder Mann, der nur einigermaßen bekannt ist, kann sich darauf gefaßt machen, Purim ein Register seiner Fehler und Thorheiten des vergangenen Jahres zu erhalten. Doch hüte man sich, zu derb zu sein. „Purim darf man grob sein, aber nachher kennt man doch den Grobian", sagt ein Prager Sprüchwort. — Wäre unser Himmel heiterer und die Physiognomie des Ghetto freundlicher, so könnte man von einer italienischen Nacht reden,' an Lebhaftigkeit giebt Pilsener Purim keinem Carneval etwas nach. Zwar will man auch hier schon von Verfall reden. Die MaSken sollen nicht mehr so witzig und zahlreich sein, der Jargon nicht mehr so allgemein und rein von ihnen gebraucht werden, behaupten unsre Altvordern. Möglich! sicher ist, daß die Umstände sich etwas verändert haben, indem viele unsrer Glaubensgenossen aus der Judenstadt gezogen sind und viele Nichtjuden sich an der Maskerade betheiligen. Wer aber den Vergleich mit früher nicht anstellen kann, wird sich an diesem eigenthümlichen Prager Mummenschanz, Pilsener Purim auch jetzt noch weidlich erlustigen. — In Ihrem geschätzten Blatte verdient er aber erwähnt zu werden, denn er ist auch ein Stück Culturgeschichte. Die Schweiz. Ober-Endingen, im März. (Eingesandt.) Der „Bund" berichtet in No. 59.: Unterm 17. Februar ertheilte der hohe Regierungsrath von Aargau dem Herrn vr. Fürst die nachgesuchte Entlassung als Rabbiner unserer Gemeinde in allen Ehren und mit bester Anerkennung seiner amtlichen Wirksamkeit in der Gemeinde, welcher er seine Einsicht und seine Kräfte mit Treue und Erfolg gewidmet hat. Die Achtung seiner Gemeinde folgt dem Scheidenden. Wir verlieren an ihm einen eben so kenntnißreichen und tüchtigen, als leutseligen und anspruchslosen Geistlichen. Großbritannien. London, 18. März. Unterhaus. Sitzung vom 17. März. Lord I. Russell stellt den Antrag, daß das Haus sich als Comite constituire, um die den parlamentarischen Eid betreffende Bill zu besprechen. T. Duncombe fragt, ob der Antragsteller die Versicherung ertheilen könne, daß die Bill, wenn sie durchgehe, an einem anderen Orte (Oberhaus) eines besseren Empfanges gewärtig sein könne, als ihren Vorgängerinnen zu Theil geworden sei, und ob, wenn dies nicht der Fall, er bei seinem Entschlüsse verharre, auf dem Wege einer Resolution die Zulassung deS BaronS Rothschild ins Parlament zu beantragen. Lord I. Russell entgegnet, waS die erste Frage betreffe, die nämlich, ob er glaube, im Oberhause auf eine Majorität zu Gunsten der Bill rechnen zu können, so sei es schon sehr schwer, zu sagen, wer die Majorität im Hause der Gemeinen habe, und es würde anmaßend von seiner Seite sein, wenn er eS wagen wollte, das Geschick seines Gesetzentwurfs in dem anderen Hause vorauSzusagen. Die zweite Frage anlangend, habe ihn die Erfahrung gelehrt, daß es sehr wünschenswerth sei, wenn ein der Entscheidung von Rechrsgelehrten zu unterbreitender, die Privilegien des Parlaments betreffender Beschluß die allgemeine Zustimmung des Hauses der Gemeinen habe. UebrigenS fei die Bill so versöhnlich wie möglich abgefaßt, und er glaube nicht, daß es an der Zeit sei, etwaige später zu thuende Schritte schon jetzt zu discutiren. Die Bill wird hierauf im Comite berathcn, und die verschiedenen Artikel werden angenommen. Newdegate zeigt an, er werde am nächsten Montag, aus Anlaß der Berichterstattung über die Bill, die Auslassung der Artikel 5 und 6, nämlich der Artikel, welche sich auf die Zulassung der Juden beziehen, beantragen. London, 22. März. In der so eben stattgehabten Sitzung des Unterhauses kam man auch zu der Debatte über die Parlamentseidesbill. Dieselbe wurde von der gesammten liberalen Partei unterstützt. Newdegate und der Minister Walpole opponirten, die übrigen Minister schwiegen. Die Clausel zu Gunsten der Juden passirte mit 297 gegen 146 Stimmen. Nordamerika. San Francisco, im Januar. (Privatmitth.) Obgleich wir hier seit einem Jahre ein jüdisches Organ unter dem Namen „The Gleaner“ (Der Sammler) haben, dürfte wohl gerade in demselben die Schilderung unserer californischen Zustände vergebens gesucht werden. Der Grund dieses Schweigens ist vielleicht die Abhängigkeit deS Redacteurs vom Volke, dessen schwere blinde Macht schon manches californische Blatt bei der mindesten unparteiischen Aeußerung, die die Ei- 14