Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-03-29 · Heft 14 (29.3.1858) · p. Seite 190

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 14 (29.3.1858)
Date
1858-03-29
Page
Seite 190 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226093-3226108--16800-3245673
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

190 Nrcolöburg, 15. März. (Berichtigung.) In No. 7. dieser Zeitung hat ein Correspondent über die Schulen Mährens sein Urtheil zu sprechen beliebt. Wir haben wohl das Recht, zu verlangen, daß ein Mann, der sich's herauSnimmt, über die Schulen eines Gesammtlandes zu referircn, die vorzüglichsten Schulen dieses Landes kennen sollte; doch hätten wir geschwiegen und ihm gern die Jndiscrelion verziehen, die Hairptschule der ersten und größten Gemeinde Mährens völlig zu ignoriren, da wir das Bewußtsein haben, daß unsere Schule in weiten Kreisen bekannt sein muß, weil bedeutende Gemeinden des KaiserstaaleS immer darnach gestrebt haben, Lehrer zu acquiriren, die an unserer Schule sich herangebildet, unser jüngster Lehrer Herr Reiß vom Ministerium des Isnterrichtes zum Musterlehrer nach Pesth berufen wurde, und der Name unseres Directors und Gymnasial-Religionslehrers Hrn. Dr. Eiöler's auch außer den Gemarken Mährens vortheilhaft bekannt sein dürfte. Doch der Correspondent erlaubt sich's, ein Endurtheil über alle Schulen Mährens abzugeben, und mit einer offenbaren Entstellung der Wahrheit vor'S Publikum zu treten, so ruft uns sowohl die Pflicht der Achtung gegen die Gemeinde wie gegen die Schule, deren Vorsteher zu sein wir die Ehre haben, laut auf, dies öffentlich zurückzuweisen. Der Correspondent sagt: Die vorzüglichste Schule bestehet unstreitig in Boskowitz, sie ist auch die einzige jüdische vierelassige Hauptschule, die zur Ausstellung von staatsgültigen Zeugnissen berechtigt ist. Hierin, sagen wir, ist der Correspondent absichtlich der Wahrheit zu nahe getreten, wir sagen absichtlich, weil, wer das Schulwesen Mährens nur ein wenig kennt, weiß, daß die hiesige Hauptschule im Jahre 1840, also in einer Zeit entstanden, als die Regierung des österreichischen Käiserstaatcs der Creirung jüdischer Schulen wenig geneigt war, und in allen deutschen Erblanden nur die einzige jüdische Hauptschule zu Prag bestand. Es hat aber auch die ganze Energie und Aufopferungsfähigkeit unseres Altersvocstehers Herrn H. Kolisch's, des bekannten Gründers des österr. jüd. Taubstummen-Institutes, und vieler anderer Biedermänner der hiesigen Gemeinde gebraucht, um die Concession zur Gründung einer staatsgültigen Hauptschule zu erlangen. So tritt unsere Schule jetzt schon ins 18. Jahr ihres staatlichen Bestehens und war durch ganze 15 Jahre bis zur Creirung der Boskowitzer Hauptschule im Jahre 1854 die einzige jüdische Hauptschule Mährens, aus der die Schüler allsogleich ins Gymnasium ausgenommen wurden. Hat unsere Schule einerseits die Priorität der staatlichen Anerkennung im Lande Mähren für sich, so möge der Correspondent mit seinem absprechenden Urtheile der unstreitigen Vorzüglichkeit so lange innehalten, bis die anderen Schulen Lehrer haben werden, die wie die hiesigen von der Landesstelle mehrere Belobungsdecrete, jüngst erst eine bedeutende Geldrecompens, erhalten haben, und Direktoren an der Spitze, die es in wissenschaftlicher Bildung und pädagogischer Tüchtigkeit mit Herrn vr. Eisler aufnehmen können. Der Vorstand der israel. Haupt- und Kindcrbewahrschule. D. E. Reiß. Jsac Spitzer. Prag, im März. (Privatmitth.) Heute ein Stück aus dem Ghetto aber ein lustiges — ein Purimstück — eine Maskerade. Nur Prag besitzt, so viel ich weiß, außer Schuschan-Purim noch einen Pilsener Purim. Dieser hat aber nicht etwa darin seinen Grund, daß die Juden in Pilsen zu Ahasverus Zeiten einen Tag länger Rache an ihren Feinden nahmen, sondern in dem Umstande, daß am 14. Adar in Pilsen Messe ist, zu welcher die große Zahl der Prager Kausteute wallfahrtet. Hört man nun auch wohl in Pilsen die Megillah, so ist die rechte Feier doch immer erst Sonntag nach Purim, wenn man zurückgekehrt ist an den heimischen Herd. Da wird Purim gefeiert, Pilsener Purim! Die Localblätter machen die christliche Bevölkerung darauf aufmerksam, weil er des Erheiternden, Originellen so viel hat. Es wäre der Feder eines Boz nicht unwürdig, das bunte Treiben, das sich dann in der Judenstadt entfaltet, zu beschreiben. Hunderte von Bällen finden statt, in allen Abstufungen; von der Crinoline mit der Millionärin als Inhalt, bis zu der, worin eine Köchin steckt, tanzt und jubelt Alles. Wer keinen Ball giebt, erleuchtet doch wenigstens sein Zimmer hell, will er anders Masken zu sich locken, denn diese ziehen sich, wie die Nachtvögel, nach dem Lichte. Uebcrall und in jeder Gestalt, als Domino, wie die meisten, oder als Charaktermaske, sind sie willkommen, wenn sie nur Witz und eine gewandte Zunge mitbringen. Sie ziehen von Haus zu HauS, Treppe auf, Treppe ab, in größern oder kleinern Gesellschaften, die sich durch Losungsworte, meist aus der Zeitgeschichte genommen, erkennen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.