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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-03-15 · Heft 12 (15.3.1858) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 12 (15.3.1858)
Date
1858-03-15
Page
Seite 163 (sequence 9)
Language
German
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163 welchen hohen Festtagen sie Zeit haben, dem lieben Herrgott ihre Slaatsvisite abzustatten. Aber wenn es sich um die Anstellung im Predigtamte handelt, erregt auch dies kein Interesse? „Das Geschäft geht vor." Wer sind also die Zuhörer? Leute aus den alten „Schulen", die, nach absolvirter „Haschkamah", sich ein Herz fassen, dem „Tempel-Cherem" zu Trotze, aus Neugier dem fremden Candidaten ihr geneigtes Ohr zu schenken, um sich dann, nach der obligaten Kugel, die schwer verdaulich ist, in Mincha- Schul-Gruppen eine Emotion durch schreiende Recensionen zu machen, die aus dem Magen kommen. Schon wieder eine Zufallssache. Sind die meisten Kugeln wohlgerathen, so hat der Candidat die Majorität; bleibt er in der Minderheit, sind es die wohlgerathcnen Kugeln geblieben. Ja, die Kugeln! sie sind auch in der Politik die ultima ratio. Aber die Cultus-Commission des Tempels? Sie ist blos mit der negativen Autorität bekleidet, von der Zulassung zur Wahl auszuschließen; bei der Wahl indeß hat sie Sitz und keine Stimme. Welche religiöse Richtung muß der Candidat des Tempels vertreten? Diese Frage müssen wir durch eine andre offene Frage offen erklären: Welche religiöse Richtung hat denn das Tempelpublikum? Der Tempel ist bekanntlich keine Gemeinde. Er besteht aus Stätte-Miethcrn und Actien-Jnhabern. Stätte-Miether aber und Ackien-Jnhaber wechseln, und mit den Trägern die Meinungen. Das Tempelpublikum ist nicht stätig; es ist nomadisch, und nomadisch seine Richtung. Wir haben bereits erwähnt, daß der Tempel einer Religionsschule entbehrt, die etwaige Religionsmarimen in seinen Kreisen zum Gemeingut machen und fortpflanzen sollte. Der arme Candidat! Dem Einen ist er zu rechtgläubig, dem Andern zu linkgläubig. Und nun gar erst seiner Zuhörerschaft aus der Haschkamah genug zu thun! — Und doch sind diese Tobleh Schachrilh gemeinhin noch die besseren Beurtheiler in dem Grade, als sie mehr Verständniß im Jüdischen mitbringen, mehr Wärme und weniger Blasirtheit, mehr Erregbarkeit und weniger Aufblasung. Ein fernerer Zufall waltet durch die unangemessene Akustik des neuen Tempels ob, worin auch die kräftigsten Stimmmittel sich erst nach langer Uebung mit Sicherheit zurechtfinden können. Schließlich aber ist der Wahlmodus am Tempel erst recht der Zufall in Glorie. Endgültig wählen nämlich 15 Männer, cp«52n i'b. Wer sind die Fünfzehn? Etwa Vertrauensmänner? Gott bewahre! Das wäre ja vernünftig. Die Fünfzehn gelangen durch das Loos, bnia, zu dieser Wahlwürde. Kaum kann man sich bei einer modernen Anstalt etwas Veralteteres denken. Sind diese auSgeloosten Fünfzehn Intelligenzen überhaupt, oder besitzen sie doch die sachgemäße Intelligenz? Haben sie sich persönlich mit dem betreffenden Candidaten bekannt gemacht? Das Letztere ist nicht nöthig. Hierzu — mirabile dictu! — fühlt selbst der Vorstand kein Bedürfniß. Jenes aber muß das LooS besser wissen, welches so frei war, ihnen die hohe Bestimmung zu verleihen, in einer der wichtigsten Actionen eine Gesammtheit zu repräsentiren. — Im Zusammenhänge mit der Munificenz in der Tempelverwaltung über deS Tempelcandidaten Cölibat, den der I.-Korrespondent so tranquil ist, ungenirt auf sich zu nehmen, — werden wir das nächste Mal Mancherlei zu sagen haben. Preußen. Berlin, 3. März. lPrivatmitth.) Zur Würdigung des Aufsatzes „Die Reform-Juden und Israel" vom Rabbiner Lewin in Landsbcrg O/S., als Beilage der Neuen Preußischen Zeitung vom 15. Februar.*) Es möchre wohl nicht vielen Lesern des in Rede stehenden Aussatzes bekannt sein, daß in dem Verfasser desselben ein verkappter Kreuzzeitungsritker wieder zu erkennen ist, der öfters schon in voller Rüstung mit Schild und Schwert gegen die Bekenner des Judenthums zu Felde gezogen ist und der stets immer wieder von der mildern Gesittung unseres Geschlechts dahin beschieden wurde, daß er mit seinen gar zu groben judenfeindlichen Gesinnungen einige Jahrhunderte zu spät gekommen, sein Müthchen zu kühlen. — So lange er aber mit gelüftetem Visir in die offene Fehde heraustrat, da verlohnte es sich allenfalls, eine Lanze mir ihm zu brechen; nun aber tritt derselbe in der etwas gar zu unritterlichen Maske eines polnischen Juden auf und spielt den modernen Haman im altmodischen Mordechai-Gewände; er hüllt sich in den nicht all-. *) Des in Rede stehenden Aufsatzes konnten wir trotz mehrfacher Nachfrage nicht habhaft werden, und haben ihn nicht gelesen. Redaction. 12

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