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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-03-15 · Heft 12 (15.3.1858) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 12 (15.3.1858)
Date
1858-03-15
Page
Seite 162 (sequence 8)
Language
German
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162 d. JdthS." ist, halten wir uns sogar verpflichtet, eine Lanze einzulegen und zu behaupten, daß sie hinter keiner eines Ehrenmannes, Vielleicht nicht einmal hinter derjenigen des J.-Corresp. zurücksteht, welcher sich über sie öffentlich zu Gericht gesetzt hat. ES könnte bescheidene Candidaten irre leiten, daß vom I. - Corresp. das Tempelpublikum so dargestellt wurde, als wolle es fortan ebenfalls bescheiden in seinen Ansprüchen sein, angemessen der Bescheidenheit dessen, waS von Seiten des Tempels dem Anzustellenden zu gewähren sei. (Bekanntlich 400 Thlr. jährlich unter Voraussetzung deS Cölibats.) Hamburg steht in einem Rufe, der ihm mehr Krittelei alS Kritik, mehr leichtfertige Aburtheilung als einsichtiges Urtheil beläßt. Hamburg gilt ein Karthago und kein Athen. Leider nun auch kein Karthago mehr. Mag sein, daß Hamburg besser ist, als fein Ruf. Wahr aber ist, daß die Hast deS Handelsgeistes oder Handelsungeistes dem Hamburgischen Karthago gar nicht Zeit läßt, ein Athen zu werden. Hamburg handelt bis in die neunte Abendstunde, von da ab amüsirt es sich. Ob just nicht unschuldig, will die Fama besser wissen. Von diesem allgemeinen Charakter der Stadt macht die „Kehilah" keine besonders abstechende Abweichung, und das Tempelpublikum noch weniger. Bei einem so gearteten Publikum ist aber eben so gewagt, für Bescheidenheit im Urtheile Bürgschaft zu leisten, als es einer Unbescheidenheit zu bezüchtigen. Lassen wir auch eine Urtheilsfähigkrit gelten, so ist doch, um sich ein Urtheil zu bilden, vor Allem nöthig Interesse an der Sache und Zeit, Muße. Das Interesse für den Tempel ist erloschen, und Zeit und Muße hat man nicht. Etwa am Sabbath? Der ist ja ankiquirt. Nicht just aus Ueberzeugung, denn man verlegt ihn nicht auf Sonntag. Aber „das Geschäft bringl's einmal so mit sich." Es ist also mit dem Beifall deS Candidaten im Tempel sehr preeär, eine Zufallssache. Zufall, Form entscheiden nicht; irgend eine Aeußerlichkeit könnte es thun. DaS Kernhafle des Charakters, des Talents, der Persönlichkeit dürften sogar schädlich sein. Die Halbheit, die Oberflächlichkeit sind noch immer natürliche Widersacher der Tiefe, der Ertüchtigung, der Entschiedenheit gewesen. Es ist nicht das Verdienst deS Tempels, einen Kley und einen Salomon gehabt zu haben; eS ist sein Glück, wie eS nicht der Unwerth Stein'S*) und Chronik's**) ist, daß sie die Anstellung nicht erhielten, und nicht die Unzweiselhaftigkeit der Eminenz des „Oberrabbiners" Stern, daß er von der Kehilah j a erwählt wurde. Wohl aber ist es daS Verdienst der Hamburger, daß sie den sel. Chacham Berneys verehrten, weil — wie sie selber sagen — sie ihn etliche und zwanzig Jahre nicht verstanden haben, und daß ihn die Gemeinde Korah's inmitten der Verehrung dahin gebracht hat, wie notorisch, an gebrochenem Herzen zu sterben. Freilich waren auch dazumal, als Kley und Salomon gewählt wurden, noch ganz andere Zeiten im Tempel, aus welchen nur wenige ehrenhafte Ueberrcste geblieben sind, auf die leider nicht mehr gehört wird, die ächte, ausharrende Kämpen eines aufgeklärten Judenthums sind, denen wir hiermit unsre volle Achtung aussprechen. Zu jenen Zeiten war auch die Tempeldirection mehr denn eine buchhälterische Verwaltung, waren die Männer an der Spitze geistig würdige, innerlich berufene. Ist das etwa gleichgültig, ob der Tempel die Würdigkeit jener Prediger verstanden oder nicht? Keineswegs. Sie waren durch das. Unverständniß und die Theilnahmlosigkeit in ihrem Wirken gehemmt. Haben sie es ja nicht einmal erreichen können, eine Religionsschule zu gründen! Und das ist mehr als ein Hemmniß; es ist eine Vernichtung ihrer Wirksamkeit. Dies liegt gegenwärtig leider nur gar zu klar am Tage. Wir haben nirgends so schale, so blödsinnig verkehrte Urtheile über jene Prediger gehört, wie just hier am Platze ihrer unmittelbaren Thäligkeit seit fast einem halben Jahrhundert. Ein Umstand, der dem Candidaten theilS gut, theilS schlimm zu statten kommen kann. Wieder Zufallssache. Denn die Vergleiche, die mit jenen Predigern gemacht werden, können natürlich nicht von besserin Holze sein, als die Urtheile über sie. Der souveräne Unverstand hat da bequemen Spielraum. Aus welchen Bestandtheilen ist denn aber daS Tempelauditorium, welches über die Candidaten ins Gericht geht? „Tempelaner" sind es nur zum kaum nennenSwerlhen Bruchtheilchen. Die Tempelaner sind ja blos Roschhaschanah- und Joinkipur-Reflectanten, an *) Seiner Zeit Bewerber an Stelle Kley's, ehe er Rabbiner von Frankfurt wurde. **) Siehe No. 39. v. 2. der „Allg. Zeit. d. Jud."

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