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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-03-15 · Heft 12 (15.3.1858) · p. Seite 157

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 12 (15.3.1858)
Date
1858-03-15
Page
Seite 157 (sequence 3)
Language
German
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157 zurückprallen und in ihr altes, begrenztes Bett zurückweichen mußten. Warum konnte die ungeheure Siegesmacht Napoleon's die Völker von Europa nur eine sehr kurze Zeit in Fesseln schlagen, und fiel mit diesen zerbrochen nach wenigen Jahren in den Staub? Weil sie ihre Bürde sittlich starken Nationen aufgelegt, welche in sich die Kraft fanden, auch den größten modernen Genius wie ein thönernes Bild zu zerschlagen. Allerdings ist es nicht zu verkennen, daß, so wie einerseits eine Nation desto kräftiger auf der Bühne der Welt auftritt, je ursprünglicher noch ihre Kraft ist, je unmittelbarer sie noch aus dem Naturzustände hervorgegangen, eine solche desto schneller ihre Kraft absorbirt, je weniger sie der Cultur, der Civilisation fähig ist. Es ist dann eben nur ein schneller Naturproceß in mächtiger Hebung und Senkung. Die Cultur und Civilisation hingegen, wie sie in einer allmähligen Entwickelung, in einer fortschreitenden Entfaltung der geistigen Kräfte bestehen, verlängern den Lebensproceß einer Nation, lassen sie langsamer die Höhen ihres Daseins erreichen, und halten die Abschwächung und Entartung Jahrhunderte lang auf. Denn einerseits klären Cultur und Civilisation den Geist auf, mildern und verfeinern die Sitten, bändigen die Leidenschaften und lassen so lange hin Wahrheit und Recht von dem Tageshimmel der Nation nicht gänzlich weichen; andererseits halten sie das Leben des Volkes in Umlauf, verhindern Stagnation der Säfte, scheiden durch acute und chronische Krisen die krankhaften Stoffe wenigstens theilweise aus, und spinnen so das Gewebe des Lebens weiter hinaus. Aber Wahn wäre es, zu glauben, daß Cultur und Civilisation die Bürgschaften ewigen Bestandes für die Menschenvölker wären. Beide entarten nicht minder; sie werden zur Hypercultur, zu einer Civilisation des Lurus, der Verfeinerung, des Firnisses, unter deren Hüllen der Krebsschaden der Sittenlofigkeit verdeckt, aber desto gefährlicher weiterfrißt. So wenig daher die Griechen und Römer in ihrer bedeutenden Cultur und Civilisation mehr als die Mittel der Lebensverlängerung fanden, wie sie gerade von den rohesten, uncultivirtesten Völkern überwunden und vernichtet wurden: so wenig bieten jene auch den modernen Völkern das Pfand der Dauerhaftigkeit dar. Und fürwahr, es fehlt auch diesen an den Belegen für jene große Wahrheit nicht. Der Süden Europas, der im Mittelalter noch der wahre Mittelpunkt des Lebens war, das eigentliche Vaterland der Civilisation, bietet uns nur den Anblick der Decrescenz. Es find erst vier Jahrhunderte, daß das oströmische Reich gefallen, und das wiederhergestellte Hellas bietet keine Aussicht, eine würdige Stellung in der Familie der modernen Völker einzunehmen. Zu welchen Urtheilen Italien, insonderS Unter- und Mittelitalien, berechtigt, braucht man nur anzudeuten, wenn man feine Geschichte von der Zeit des Verfalls der italischen Municipalitäten bis auf die jüngsten Tage verfolgt. Warum bat die pyrenäische Halbinsel ihr Scepter, das sie über die fernsten Welttheile streckte, dem Norden abgegeben, und ist zur Nullität hinuntergesunken? War Polen nicht längst schon zersetzt, zerrissen, zertheilt, bevor die benachbarten Großmächte die Hand auf dasselbe legten? wie jene das Land der Autodafes und der auf die Amerikaner gehetzten Bluthunde, das Land des geistigen und politischen Despotismus und des Sklavenhandels war, so dieses das Land des Egoismus, der Käuflichkeit und der Volkserniedrigung. Freilich dürfen wir hier nur nach Jahrhunderten zählen, es ist das Werk der Vorsehung, wann und wie der letzte Streich aus einen bestehenden Staat, auf ein noch eristirendes Volk fallen soll. Günstige Umstände können auch die Leiche einer Nation noch ein halbes Jahrtausend conserviren. Das Reich der Kalifen war längst zum Tode reif, Byzanz war längst ein bloßes Schattenbild, bevor die stürmende Hand bester asiatischer Horden Bagdad und Konstantinopel bezwang; und so sehen wir auch in unsrer Zeit altersschwache Nationen vegetiren, weil ihnen die Vorsehung die zerstörende Faust noch fern hält. Aber selbst hierin liegt nur der immer wiederholte Beweis für den von den Propheten Israels zuerst verkündeten Grundsatz, daß jede sittenverderbte Nation dem Untergänge zuwandelt. Es ist wie in der Natur, so in der Geschichte: ein einfaches Gesetz beherrscht alle Lebenserscheinungen; aber es prägt sich in der Mannigfaltigkeit dieser auf die mannigfaltigste Weise aus. Literarischer Wochenbericht. Frankfurt am Main, im März. Emek habacha von R. Joseph ha-Cohen, übersetzt von Dr. Wiener, herausgegeben vom Institute zur Förderung der israelitischen Literatur. Leipzig, 1858. — Von dem rühmlichst bekannten Uebersetzer des Schebet Jehudah hat das Institut vorgenannte Schrift edirt. Die jüdischen Geschichtsquellen sind so spärlich und mangelhaft — weil, wie Goethe sagt: Wenn der Mensch daran denken soll, von Ereignissen, die ihn zunächst betreffen, künf- 12*

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