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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-03-15 · Heft 12 (15.3.1858) · p. Seite 156

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 12 (15.3.1858)
Date
1858-03-15
Page
Seite 156 (sequence 2)
Language
German
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156 folute Verwerfung der religiösen Anschauungen der Völker außerhalb Israels durch. „Mein Name ist groß bei allen Völkern der Erde und hochgepriesen", sagen sie öfters, und verstehen darunter, daß der Begriff und die Anbetung der Gottheit bei allen Nationen vorhanden und ein wesentliches Element ihres Lebens sei, trotzdem diese Anschauung weit von der reinen und wahrhaften Gotteslehre ist, welche Israel übergeben worden. Aber die Ausartung dieses den Menschen einwobnenden Gottheitsbegriffes in das sinnlichste Götzenthum, in den ausschweifendsten heidnischen Kultus, der somit der Sittenlosigkeit, Lasterhaftigkeit und blödestem Aberglauben die religiöse Weihe verlieh, diese macht die religiöse Entartung der Völker aus, welche die Propheten als das andere Moment des Völkeruntergangs bezeichnen. Wohl erkannten die Propheten, daß trotz diesem fich immer wiederholenden Untergange der einzelnen Völker die Menschheit zu einer fortschreitenden Entwickelung bestimmt und in ihr begriffen ist, und fie verkünden das Endziel dieser Entwickelung in der allgemeinen Erkenntniß des einig-einzigen Gottes, in allgemeiner Herrschaft des Rechts, in allgemeiner Uebung der Liebe, darum im allgemeinen Frieden und der Ruhe des Lebens. Aber wir deuten dies hier nur an, um die Vorstellung vom Prophetismus nicht unvollständig zu lassen, der uns hier nur zur Grundlage der folgenden Bemerkungen dienen sollte. Man wird jene Anficht der Propheten, daß die Lebensdauer der Nationen von ihrem religiösen und flttlichen Werthe abhängt, und daß mit der religiösen und fittlichen Entartung der Verfall und Untergang derselben unwiderruflich eintritt, von der einen Seite als selbstverständlich, von der anderen als einseitig oder gar lächerlich ansehen. Beides in großem Jrrthum. Die alten Völker haben diese Lehre der Propheten nie gekannt und nie gehabt, und die modernen Völker sind durchaus nicht von ihr durchdrungen — demungeachtet ist fie die allein wahre, die allein richtige. Die Völker bewegten und bewegen fich allein in der politischen Auffassung ihres Daseins, ihrer Stellung, ihrer äußeren und inneren Verhältnisse. Hat man doch jederzeit die Politik von der Beachtung aller Moral freigesprochen, und haben dies die Politiker auch genugsam zu aller Zeit bethätigt. Handelt es sich doch bei ihnen nur um die Frage: auf welche Weise und durch welche Mittel die politische Macht nach außen und nach innen (Staatsverfassung) erhalten und vergrößert werde? und wo die Negierungen ihren Blick auf den religiösen und fittlichen Zustand des Volkes wandten, geschah es zumeist, weil durch jenen die bestehende Macht gestützt werden sollte, und das Hauptgewicht wurde denn doch unverhältnißmäßig auf die materiellen Werkzeuge und die materiellen Mittel gelegt. Es ist also durchaus nicht wahr, daß jener höchste-Grundsatz des Völkerlebens selbstverständlich anerkannt sei, vielmehr ist es immer noch eine Stimme in der Wüste, die ihn predigt. Ueberblicken wir aber die Geschichte der Völker, so sammelt diese all' ihr Licht, all' ihre Strahlen, um fie auf den ausgesprochenen Grundsatz als eine unläugbare Thatsache, als eine höchste Wahrheit zu werfen. Vergebens sträubt Ihr Euch dagegen; vergebens glaubt Ihr diese strenge Mahnung in das Reich der Träumereien verweisen und höhnend als Rigorismus pedantischer Morallehrer beseitigen zu können. Er steht auf jedem Blatt der Weltgeschichte mit blutiger Schrift eingetragen, und alle Trümmer, die Ihr vom Schutte der Zeit befreiet, alle Ruinen und Monumente, die Zhr aus dem Schoße der Erde grabet, geben Euch nur immer neue Belege für die Wahrheit jenes Arioms. Noch ist kein Volk untergegangen in der Blüthe seiner Kraft; noch ist keine Nation von der Erde verschwunden in der Fülle sittlichen Lebens, in der Weihe geistigen Aufschwungs; sondern die Geschichte aller vernichteten Völkerschaften zeigt uns, daß sich ihr Loos in der Decrepidität ihres Wesens erfüllt hat, und daß fie die Beute frischer Menschenstämme geworden find, weil fie in ihrer Ueppigkeit, Ausschweifung und Entnervung dem an Zahl gewöhnlich geringeren und an bisheriger Machtstellung unbedeutenden: Feinde keinen Damm entgegenzustellen vermochten. So gingen die Völker des astatischen Alterthums, eines nach dem andern unter; Assyrer, Meder, Chaldäer, Perser; so wurden auch in Europa die Griechen von den Römern, die Römer von den Germanen gebrochen; so stürzten die Araber sich über Vorderasien, Byzanz, Afrika und Spanien; so gingen in schneller Entartung die Hunnen, Vandalen und Gothen unter. Alle diese Nationen, alle diese großen Herrschervölker fanden ihr Verderben nicht in der Macht und Größe ihrer Sieger, sondern allein in ihrer Entartung und Entnervung. Warum gelang es den Türken nicht, außer Griechenland irgend in einem europäischen Lande festen Fuß zu fassen? Warum scheiterte der Siegerzug der Mongolen an der schlesischen Grenze, und mußten seine Trümmer hinter den Kaukasus fich zurückflüchten? Nur weil fie auf kernhafte, sittlich starke Völker stießen, welche mit geringzähliger Mannschaft ihren Heeresfluthen widerstanden, daß diese von dem Felsendamm der fittlichen Nationen

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