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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-03-08 · Heft 11 (8.3.1858) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 11 (8.3.1858)
Date
1858-03-08
Page
Seite 152 (sequence 12)
Language
German
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152 mit Fremden angefüllt war, so hieß es mehrere Stunden im Freien campiren. Wie schon in Dukla, so benutzten wir auch dahier unsern Aufenthalt, um Erkundigungen über daS abenteuerliche Treiben der Rebbes, über die Beschäftigung der Israeliten Galiziens u. s. w. einzuziehen, welcher Aufschluß uns um so bereitwilliger wurde, da der sonst gerade nicht wortkarge Galizianer einem Wallfahrer zu einem Heiligen so gern jede Mittheilung macht. Es war eine recht kalte, unfreundliche Herbstnacht; der Wind pfiff tüchtig dazwischen und der Wächter, obgleich grob und betrunken im höchsten Grade, erbarmte sich dennoch der Damen, die sich bald in Menge eingefunden hatten und öffnete ihnen die Restauration. Anfangs herrschte auf dem Bahnhofe eine schauerliche Stille, schien es doch, als feiere das Feuerroß auch seine Geisterstunde; bald wurde etz jedoch lebhafter und durch die herbeigekommenen Fremden bewegter. Von verschiedenen Seiten kamen jüdische Fuhrleute mit Passagieren angestogen, die theils von Lemberg, theils aus der Wallachei kamen. Auch wir fanden Landsleute, die von Dzykov vom heiligen Rebben kamen, und da, mein lieber Leser, die Locomotive erst gegen zwei Uhr abfahren wird, so lade ich Dich, um die Langeweile zu verscheuchen, zu einer kleinen Spazierfahrt in eine der Residenzstädte der drei großen Rebbes Galiziens ein, und sei es auch nur im Geiste. Da siehst Du vor der Thüre des Heiligen halb wahnsinnige Physiognomien mit offener Brust und großen Augen, in langen Stiefeln, kurzen Hosen, Bekeschel und Stramel, die sich unberufen in das Gespräch der Fremden mischen, um die gelauschten Worte ihrem Meister zu überbringen, der, einem Heiligen gleich, jedes Geheimniß weiß. Vor der Wohnung steht der Schnellgabe, der Dich gegen eine Belohnung zum Rebben führt, doch heute es beim besten Willen nicht vermag, da die heiligen Täg so manchen magyarischen Freund, so manchen galizianischen Kunden gebracht. Da bemerkst Du Chassidim und Halbchasfidim, Gäste, die sich in Gruppen getheilt und schon seit zwei Tagen auf Audienz lauern. Am Eingänge siehst Du zwei ehrliche Gesichter, einen Mann und ein Weib, denen die Pferdediebe daS Pferd gestohlen und die dem Rebben ein bringen, damit er sie bensche und das Entwendete verschaffe. Dort siehst Du eine baumstarke Statur, der man es ansieht, daß sie schon Nächte nicht geschlafen und ein unehrliches Gewerbe treibt, sie sucht Buße beim Rebben. Dort am Eingänge steht schon drei Tage ein Gutspächter aus Oberungarn mit seinem wahnsinnigen Sohn, der eine mjTüp vom Heiligen wünscht, sie aber heute nicht erhält, da die Stunde der Audienz erst nach vier Tagen erfolgt. Doch, verlassen wir den Vorhof, drängen wir uns durch die Menge in das Innere des Heiligthums. Da fitzt der Wundermann, ernst, einem Gerippe gleich, vom vielen Kasteien hager wie der Tod; er giebt Dir ein v'ibÄ" spricht Anfangs über gleichgültige Dinge, dann vom Fortschritte des Chassidismus, nimmt lächelnd Dein Geld und verspricht Dir den Segen. Kaum bist Du abgetreten, eilen Andre in daS heilige Gemach und bringen ihre Bitte vor. So ein chasfidischer Rebbe ist nicht blos ein Rabbiner einer einzelnen Gemeinde oder eines Kreises; auch nicht ein bloßer Seelsorger der Chassidim, sondern ein Heiliger, ein Wundermann, ein Rathgeber einer ganzen Gegend, einer jeden Richtung. Nur wenige Rebbes sind so tüchtige Talmudisten, wie der Sancer und noch wenigere so freigebig wie der Wielopoler, gewöhnlich sind sie mit einander bei Lebenszeit verfallen und feinden sich einander an; will doch der Dzykover und Sancer Rebbe behaupten, der Wielopoler thue Wunder durch Die Rebbes leben meistens abgeschieden und besuchen den öffentlichen Gottesdienst nicht gern. Am verstossenen so wird uns von Augenzeugen berichtet, betete vor dem der Wielopoler Rebbi mit solch einem Feuereifer, daß die zahlreichen Gäste Lebensgefahr befürchteten und ihn gegen Abend gewaltsam vom iiny wegschleppten.*) Doch die Glocke ruft, darum vorwärts nach Dembira zurück, auf der Eisenbahn nach Krakau zu. Wir durchflogen die Hauptstationen Tarnov und Bochnia und waren in kürzester Zeit in Krakau, der Hauptstadt deS gleichnamigen Großherzogthums. Kaum aus dem Waggon gestiegen, siehst Du Dich schon von Mäklern umgeben, die Dich zu den niedrigsten Preisen in das Innere der Stadt führen wollen. Bist Du gesonnen, eine noch nie gesehene große Anzahl von Glaubensbrüdern beisammen zu sehen, so laß Dich zwischen und 2^^ in die Judengaffe führen. Da flehst Du Hunderte von Männern und Weibern, Alle beschäftigt mit Kaufen oder Verkaufen; Frauen, die statt Hauben große Tücher um den Kopf gebunden tragen, Männer in halbhohen Hüten, langen Röcken, hohen, ge- *) Vor wenigen Wochen starb, wie diese Blätter bereits berichtet, der Wundermann in Wielopola, zum Leidwesen aller Chassidim und Halbchassidim.

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