Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 11 (8.3.1858)
- Date
- 1858-03-08
- Page
- Seite 144 (sequence 4)
- Language
- German
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144 thums in der Schönheit ihrer menschlichen Entwickelung vorzuführen, so auch die orientalische Philologie, namentlich bei dem Volke, welches Träger war der Offenbarungslehre, in das Heiligthum seines gotterfüllten Lebens einzudringen. Darum darf auch ein jeder Beitrag zur Geschichte des Hebraismus freundliche Aufnahme erwarten, und gälte er auch einem abwelkenden Zweige an dessen LebenSbaume. „Ein solch welkender Zweig, eine solche hinschwindende Abart des Judenthums sind die Samaritaner. Ihre Tage sind gezählt, sie dürsten kaum noch einige Generationen überdauern, aber sie greifen vielfach in die Geschichte ein, und sie geben höchst interessante Beiträge zur Geschichte der Bibel und des Judenthums. Sie trugen von vorn herein nicht die Vollkraft des Lebens in sich, doch giebt es ein Zeugniß von der Macht der Wurzel, der sie sich angerankt haben, daß sie mehr als zwei Jahrtausende Bestand zu gewinnen fähig waren. Theils einer fremden Einwanderung angehörig, theils Ueberresten aus dem Zchnstämmereich entsprossen, waren sie dem Kern der hebräischen Entwickelung entfremdet, ja gehässig; sie entzogen das Heiligthum der Stätte, welche in der Geschichte der Brennpunkt für das ganze Geistesleben des Volkes geworden war, nämlich Zion und Jerusalem, um es auf eine Stätte überzutragen, die nur in der Nachahmung fremden Gottesdienstes ihre Bedeutung suchte, nämlich Gerisim und Sichem, entzogen der Familie, welche immer mehr im Glanze heiligen Volksadels strahlte, der Familie David's, vie Berechtigung, der Mittelpunkt und die Hoffnung des Volkes zu sein, und übertrugen dem Stamme Efraim, welcher wohl äußere Macht vertrat, aber immer mehr an innerem israelitischem Bewußtsein verlor, das Recht der Führerschaft, und deshalb mußten sie die ganze großartige Entwickelung in dem Reiche Juda ignoriren und das urkräftige Leben, welches die Schriften der gottbegeisterten Propheten durchströmte, abweisen. Ihre heiligen Bücher schrumpften zum Pentateuch zusammen. „Dieser Umstand, für sich betrachtet, hat dennoch keine weitgreifenden Folgen gehabt für eine abweichende Theologie und Pentateuch-Erklärung der Samaritaner. Die Stämme Juda und Joseph, beziehungsweise Efraim, werden beide in ihrer hervorragenden Bedeutung, welche sie in der Epoche des ersten Staatslebens eingenommen, im Pentateuche anerkannt, und die Samaritaner hatten keine Veranlassung, hier abzuändern oder umzudeuten; von der Familie David's ferner findet sich im Pentateuch noch nicht eine entfernte Andeutung, und der später entwickelte Glaube von der Herankunft eines Messias mochte blos in Bezug auf seine Abstammung eine Differenz begründen, indem die Samaritaner sich ihn als einen Nachkömmling Joseph's oder Efraim's dachten, während die Juden in ihm einen Davididen sahen, bis die spätere jüdische Eschatologie beide Hoffnungen verband und erst einen Messias b. Joseph, genussermaßen als einen unreifen Versuch, dann als den rechten Vollender den Messias b. David erwarteten. Doch gehört dies einer späteren Entwickelung an und war nimmermehr zum eigentlichen Streitpunkte geworden zwischen Juden und Samaritanern. Bedeutender für die Gestaltung des Pentateuchs war der ausgesprochene Streit über die heilige Stadt und den heiligen Berg. Der Pentateuch nennt zwar nirgends eine bestimmte heilige Stadt, welche der Mittelpunkt des gottesdienstlichen Lebens für Israel werden sollte, und das Deuteronomium betont blos die Bestimmung eines solchen Centralheiligthums, bleibt aber immer bei der allgemeinen Bezeichnung: „der Ort, welchen Gott erwählen wird", ohne den Namen einer Stadt anzugeben oder auch die Gegend, selbst nur andeutungsweise zu bestimmen, innerhalb welcher dieselbe liegen werde. Doch lag hier gerade die Versuchung sehr nahe, aus ihrer Ueberzeugung heraus, diesem Stillschweigen der heiligen Schrift einige genügende Andeutungen für die von ihnen verehrte heilige Stadt anzufügen. Damit ihrem Gerisim nicht die Ehre bestritten werden könne, daß von ihm herab beim Ueberschreiten des Jordan der Segen zu sprechen geboten worden, fügten sie noch hinzu: 22D Vm, gegenüber Sichem. Allein ander Vertheidigung des rechtmäßigen Besitzes genügte es ihnen nicht, sie wollten ihn auch erweitern, sie schoben auch Geristm da ein, wo er nicht erwähnt ist, seine Erwähnung aber ihn zu verherrlichen geeignet war. Unmittelbar nämlich vor der Stelle, in welcher die Verkündung des Segens vom Gerisim und des Fluches vom Ebal herab vorgeschrieben wird, heißt es (5 Mos. 27, 1 ff., bes. D. 4), die Israeliten sollten bei dem Ueberschreiten über den Jordan zwölf große Steine auf dem Ebal errichten und dort einen Altar erbauen. Nicht auf dem Ebal, behaupteten die Samaritaner, vielmehr auf dem Gerisim sollte Dies geschehen, sie änderten Ebal in Gerisim, und sie legten darauf einen so entschiedenen Nachdruck, daß sie die ganze Stelle mit der von ihnen vorgenommemn Aenderung nochmals an einem andern Orte, und zwar unmittelbar nach dem Dekaloge im Erodus (C. 20) ausnahmen. „Dies ist nun die wesentlichste Abweichung, welche aus der politischen Eifersucht der Samaritaner folgt; dar-