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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-03-01 · Heft 10 (1.3.1858) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 10 (1.3.1858)
Date
1858-03-01
Page
Seite 131 (sequence 5)
Language
German
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131 dische Charakter in einem so ungünstigen Lichte dargestellt worden ist, machen wir die Leser dieser Blätter auf einen anderen socialistischen Roman aufmerksam, der unter dem Titel „Familie Schaller" kürzlich von Adolf Glaser, dem rühmlich bekannten Redacteur der Westermann'schen Monatshefte, in zwei Bänden bei I. L. Kober (Prag und Leipzig 1858) erschienen ist und in welchem der Verfasser, ohne zu übertreiben oder der Wahrheit sonst wie abstchtlich zu nahe zu treten, das jüdische Familienleben, wie es sich durch den Einfluß der Zeit gestaltet und entfaltet hat, in einer Weise schildert, die, sollte man auch mit der Auffassung und Beurtheilung einzelner Anschauungen und Gewohnheiten nicht immer ganz einverstanden sein, doch jedenfalls von der Humanität wie von dem löblichen Streben des Herrn Glaser, überall das Gold von den Schlacken zu sondern, Zeugniß giebt. Wir lernen eine christliche Familie, eben die Familie Schaller, kennen, in welcher der Hausherr längst über das Vorurtheil gegen den Umgang mit den Juden erhaben ist und in seiner Freisinnigkeit sogar so weit geht, daß er nichts dagegen hat, seine Tochter mit einem Juden zu verloben (die Geschichte spielt nämlich 1848!); diese jedoch im Einverständnisse mit ihrer Mutter zollt zwar dem Benehmen und den musikalijchen Kenntnissen eines jungen Israeliten, Namens Simon Goldheim, alle Anerkennung, weist aber seine Bewerbung um sie barsch zurück, weil er — ein Jude ist. Simon, gekränkt, meidet die Schaller'sche Familie und insbesondere die Tochter des Hauses, mit der er erst nach einer wunderbaren Verkettung von Ereignissen in der letzten Stunde seines Lebens, nachdem diese längst ihr Unrecht gegen Simon bereuet hatte, wieder zusammentrifft, bei welcher Gelegenheit sie ihm die zärtlichste Pflege angedeihen läßt. Weit entfernt, hier näher auf den Inhalt des erwähnten Romans eingehen oder uns auch nur auf die Beurtheilung sammtlicher in demselben geschilderten jüdischen Charaktere des Breiteren einlaffen zu wollen, bemerken wir nur im Allgemeinen, daß sich das Buch, welches des Spannenden und Anziehenden so Vieles enthält, durch einen Reichthum an Gedanken auszeichnet, welche als Ergebniß reifen Denkens und scharfer Beobachtung der mannigfachsten Lebens- und Thätigkeitskreise hervortreten und wird der Glaser'sche Roman sicher jederzeit als einer der besseren betrachtet werden dürfen. Magdeburg, 22. Februar. Der obigen Anzeige können wir auch unsrerseits ein empfehlendes Wort über eine novellistische Arbeit aussprechen, welche jüngst aus der Feder einer christlichen Schriftstellerin hervorging: „Der Glücksstern. Von Julie Burow (Frau Pfannenschmidt). Bromberg 1857." Dieselbe führt uns nicht, wie die „Familie Schaller", in die Wirrsale des Lebens, nicht in die Kämpfe der verschiedenen Glaubensparteien, wie sie im Allgemeinen und im Individuum durchgekämpft werden; es ist ein einfaches Lebensgemälde, aus welchem das Böse verbannt ist — höchstens daß ein heimtückischer Bedienter einiges Unheil anrichtet — und welches das Ziel hat, zu zeigen, daß Jude und Christ fest in ihrem Glauben, treu den Gesetzen ihrer Religion leben, und doch die innigste Freundschaft, die bewährteste Anhänglichkeit üben können. Zugleich wird in der ansprechendsten Weise jener Uebergang gezeichnet, in welchem der Jude aus dem Gefühle des Fremdseins in das Bewußtsein, ein Vaterland und das vollste Anrecht an dieses zu haben, hinübergeschritten ist, und in dieser Beziehung die volle Anerkennung aller gerecht denkenden Christen erworben hat. Die Lectüre dieser Schrift wird Jeden ansprechen, welcher nicht an die Abenteuerlichkeiten und Obsscönitäten der zahllosen neueren Romane so gewöhnt ist, daß er an nichts Anderm als an diesem verderbten Zeuge, diesem Auswuchs der Civilisation Geschmack findet, welchem Herzensreinheit, sittlicher Lebenswandel, Wohlthätigkeit und Aufopferung noch nicht leere Worte geworden. Zugleich ist sie so gehalten, daß sie nicht über die Sphäre der Jugend hinausreicht, so daß wir sie jüdischen Schulbibliotheken zur Anschaffung empfehlen können. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Aus Baden, im Februar. (Privatmitth.) Der Herr Correspondent vom Rhein in No. 52. dieser Zeitung vorigen Jahres scheint Cultus und Schule unseres Landes nicht genau zu kennen. Regelmäßiger Chorgesang besteht in nur ganz wenigen Gemeinden. Predigten werden nur an den Rabbinatssitzen und da in der Regel an Festtagen blos gehalten. Der Ritus ist allenthalben noch der alte, ohne eine bemerkenSwerthe Reform. Zu einer Umänderung des letztem müßte ja die Genehmigung Seitens Großherzoglichen OberrathS eingeholt werden! Selbst die Confirmation, mit der man 1836 schon in Carlsruhc begonnen, ist in manchen Rabbinaten noch ganz fremd. Und wird ja in den Nachbargemeinden Mannheims den Lehrern

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