Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 10 (1.3.1858)
- Date
- 1858-03-01
- Page
- Seite 130 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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130 ment unberührt zu lassen. Er sollte von der einen Seite der Abschluß des Religionsunterrichtes, von der anderen die Grundlage weiterer Entwickelung durch das spätere Leben sein. Er dauert durch das ganze Winterhalbjahr, wöchentlich in vier, zuletzt fünf Lehrstunden. Zu Grunde gelegt wird ein Dictat von 90 kurzen Paragraphen, welche in sehr genaue Erläuterung genommen und sowohl analytisch als synthetisch durchgearbeitet werden. Ausgehend von dem Grundsatz, daß die israelitische Religion in der Uebereinstimmung des Glaubens, der Erkenntniß und des Herzens besteht, wird die Lehre auf die heilige Schrift und die Geschichte Israels fundirt, dann aber Alles, was Verstand, Natur und Geschichte der Menschheit, Erfahrung, und die Gefühlsschätze des Menschenherzens darbieten, zur Begründung und Festigung der Lehre herangebracht. Es versteht sich wohl von selbst, daß, außer jenen kurzen Dictaten, nichts Schriftliches zu Grunde gelegt, sondern das nachdenklich gesammelte Material in der Begeisterung des Augenblicks behandelt wird. Ich habe in dem heiligen Ernste, welchen ich diesem Gegenstände und dieser Aufgabe widmete, mich niemals begnügt mit Dem, was einmal geleistet worden, sondern pflichttreu gestrebt, immerfort zu verbessern, richtiger zu gestalten, logischer zu gruppiren, immer reichhaltiger zu machen. Auf Grund dieser nun fast fünfundzwanzigjährigen Bestrebungen ist es jetzt meine Absicht, das ganze reichhaltige Material in einer „ausführlichen Darstellung der israelitischen Religionslehre" zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Aber mit noch weiter gestecktem Ziele. Es soll allerdings das Buch eines gediegenen Confirmations- und höhern Religionsunterrichtes für Lehrer, es soll aber auch zur Selbstbelehrung jedes denkenden Israeliten sein, der sich über seine Religion, so wie über die religiöse Anschauung aller Momente des menschlichen Lebens in intellectueller, moralischer und praktischer Hinsicht unterrichten will. Jene 90 Paragraphen werden gleichsam nur als Ueberschriften an die Spitze eben so vieler Capitel treten, in welchen der Gegenstand in ausführlichster Erläuterung nach allen Seiten hin besprochen wird. Was mir eine eifrige Forschung in der heiligen Schrift und in der Literatur des Judenthums, was mir sorgfältiges Nachdenken und Untersuchen, was mir ein vielfach bewegtes Leben, was mir Naturwissenschaft und Geschichte herangebracht haben, soll hier niedergelegt werden, in freier Besprechung, aber dennoch in systematischer Folge, in möglichst anziehender Form und Sprache. So soll dies Werk ein Buch der Lehre, aber auch des Lebens sein, und unsren Glaubensgenossen eine neue Grundlage religiöser Ueberzeugung und sittlicher Erstarkung bieten. Wenn man auf der Höhe seines Lebens angelangt ist, so fühlt man das Bedürfniß, Alles, was man auf mannigfaltigen Wegen gearbeitet und gewirkt hat, wie in einen Brennpunkt zu sammeln und zu firiren. Man will einmal vor das Einem durch lange Zeiten in zahlreichen einzelnen Bestrebungen anhänglich gefolgte und treu gebliebene Publikum treten, und sagen: Hier hast Du ein Ganzes und möglichst das Beste, was ich zu bieten vermag. Dies ist das Ziel, welches ich mir in diesem neuen Werke gesetzt, das Ziel, welchem ich eifrig zustreben will, und wozu ich mir den göttlichen Segen demüthig erflehe. Es ist allerdings keine Arbeit, die der Stunde der Abfassung entfließt; sie ist das Ergebniß eines Vierteljahrhunderts, wie vollendet im Geiste und ruhend auf den Lippen seit langer, langer Zeit. Das Werk soll in mehreren Abtheilungen erscheinen; die erste, umfassend die umfängliche Einleitung und die Lehre von Gott, gedenke ich Michaelis d. I. in den Druck zu geben; die zweite, die Verehrung Gottes, also den inneren und äußeren CultuS befassend, wird in einem zweiten, und die Sitten lehre in einem dritten Theile erscheinen; hieran soll sich die Abhandlung über das formulirte Glaubensbekenntniß, eine Erläuterung der Zehnworte, eine Geschichte der israelitischen Religion und des israelitischen Stammes sowohl in allgemeinen Umrissen, als auch vom weltgeschichtlichen Standpunkte, also in philosophisch-historischer Anschauung in einer vierten Abtheilung schließen. Jedermann weiß, daß dieses Werk eine wesentliche und oft gefühlte Lücke auszufüllen bestimmt ist, denn seit Peter Beer's „Lehrbuch der mosaischen Religion" ist keine ausführliche Bearbeitung unsrer Religionslehre erschienen. Wie wenig aber diese Schrift heute noch dem Bedürfniß entspricht, und der Entwickelung der Jetztzeit gemäß ist, brauche ich kaum anzudeuten. Und so habe ich nur zu wünschen, daß es mir vergönnt sei, dieses Werk mit Kräften, welche meinem mich erfüllenden Vorhaben entsprechen, fortsetzen und vollenden zu können. vr. Ludwig Philippson. Literarischer Wochenbericht. Hannover, 17. Februar. Gegenüber dem bekannten unv vielgelesenen Romane „Soll und Haben" von G. Freitag, in welchem das jüdische Leben und der jü-