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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-02-22 · Heft 9 (22.2.1858) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 9 (22.2.1858)
Date
1858-02-22
Page
Seite 120 (sequence 8)
Language
German
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120 — ein treues Bild zu verschaffen, darf Dir eine kleine Reise hierher nicht beschwerlich fallen und gern will ich Dir zum Cicerone dienen. Oben, gegen Südost, wo sonst weder städtisches Ansehen, noch ländliches Colorit zu bemerken war, führt Dich das zischende und schnaubende Dampfroß mir zu. Bist Du auch Jude dem Bekenntnisse nach, so bist Du vermöge Geburt, Erziehung und Gewohnheit auch Deutscher, und als solcher muß Dir die die beiden Schwesterstädte Nürnberg und Fürth verbindende Eisenbahn um so interessanter sein, als sie, im Jahre 1834 erbaut, die erste im großen deutschen Vaterlande war, weshalb auch der kunstsinnige Ludwig von Bayern, der königliche, ächt deutsche Beschützer der Kunst, durch einen eigens zu diesem Zwecke geprägten Geschichtöthaler — wovon der Avers das erhabene Brustbild Sr. Königl. Majestät, der Revers die Bavaria mit Merkurftab und Lorbeerkranz auf des Dampfes Fittigen dahinroüend zeigt — der Nachwelt zur Erinnerung an seiner Bayern Unternehmungsgeist und industrielle» Aufschwung aufzubewahren strebte. Nichte einen Blick nach Rechts, und Du sichest eine herrliche, mit Eleganz, Geschmack und Palästen ähnlichen Gebäuden geschmückte Straße, „Fricdrichsstraße" genannt, weil aber von aus Uehlfclb hierher gesiedelten emsigen, unternehmenden Israeliten größtcnheils bewohnt, auch „Uehlfelder-Straße" zubenannt. Wir eilen indeß an der englischen Anlage, an mehreren Prachtgebäuden, eleganten Gasthöfcn und Bierhallen vorüber, durch einen Theil der ober» und mittler» Königsstraße mit dem kolossalen und großartigen Rathhause, durch die Mohren- und Theaterin die Blumenstraße, und gewahren an deren Ende inmitten verschiedener Anlagen ein einem öffentlichen Garten gegenüberliegendes massives Haus — es ist das jüdische Hospital. Durch das an der dasselbe ganz umgebenden Mauer angebrachte Gitterlhor tretend, bemerken wir zu beiden Seiten elegante Blumengärtchen, die ihre Entstehung dem scharfsinnigen jüdischen Juristen, Königl. Advocaten Herrn Dr. Feust, aber ihre sofortige Warte und Pflege dem dermaligcn Verwalter verdanken. Treten wir in den Hintergrund einige steinerne Stufen hinan und wir befinden uns in den freundlichen Räumen dieser Wohlthätigkeilsanstalt. Eine Treppe geleitet uns in die eigentlichen Gemächer der Spitalisten. Hier triffst Du greise Männer und Frauen, auch lebenssatte Junggesellen, welche, müde des Weltgewühles, hier ein behagliches, beschauliches Leben führen, da ihnen eine äußerst treffliche, schmackhafte Kost nebst bequemem Lager und sehr guter Wohnung geboten wird. Ist aber auch die Kost, wie erwähnt, eine reichliche, so lassen sich's doch viele edle Frauen nicht nehmen, an gewissen Tagen des Jahres, des Monats, oder gar der Woche die armen Pfründner mit besonders köstlichen Speisen zu regaliren und ihnen außergewöhnliche Freude zu bereiten. Damit aber die Abgeschiedenen den kleinen, aber dennoch süßen Gewohnheiten am späten Abend ihres Lebens nicht entsagen müssen, so ist dafür gesorgt, daß der Eine sein Pfeifchen rauchen, der Andere daS Aroma des Schnupftabaks u. s. w. behaglich genießen könne. Im Erkrankungsfalle, oder wird ein Dienstbote, ein Handwerks- oder Handelslehrling u. s. f. von den mannigfachen Uebeln des Leibes heimgesucht: hier, in dieser Zufluchtsstätte der Armuth und des Elends, findet er — Letztere gegen eine vierteljährige Abgabe von nur 13 Kreuzern — unter Leitung des trefflichen Herrn Di', med. Mack medicinische und pharmaceutische Hülfsmittel, so wie die sorgfältigste Pflege, wie sie nur von besorgter Vater- und zärtlicher Mutterhand gereicht werden kann. Für ansteckende Krankheiten sind besondere Säle eingerichtet und ist auf die Bequemlichkeit der Patienten dermaßen Rücksicht genommen, daß selbst s. v. die Abtritte gleich neben den Krankenzimmern sich befinden und dennoch durch gewisse Vorrichtungen eine über alles Lob erhabene Reinlichkeit herrscht. In diesem Sinne sprach sich auch im vorigen Jahre der regierungsseitig controllirende Königl. Medicinalrath aus. — In einem Hintergebäude sind Zimmer für Blödsinnige, Haut - und syphilitische Kranke, welch' letztere freilich in Israel selten sein dürsten. Bedarf der Mensch, selbst in strotzender Jugendfülle, des Aufblicks zu Dem über den Sternen, um wie viel mehr, wenn er von der Erde sich losgcsagt hat und mit einem Fuße im Grabe stehet. Jeder Tag mahnt ihn ja an des Todes Nahen, der ihn, als Gerichtsbote des Himmels, vor den Richterstuhl des ewigen, unbestechlichen Richters fordert und von Argem wäre eS, würde er unvorbereitet mit der Seele Schmutz und des Geistes ekelhaften Tinten vor dem Allreinen erscheinen. „Soll ja Dein (Geistes-) Gewand stets weiß sein und das Oel (der Reue, der Buße und der Wiedergeburt) nie Deinem Haupte fehlen." Darum steige mit mir wieder die Treppe hinab und Parterre

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