Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 9 (22.2.1858)
- Date
- 1858-02-22
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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114 In dem Moniteur de la Meurlhc vom 28. Oktober 1856 schreibt Herr P. BartlMemy in einem längeren Artikel: „Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß dieses Product eine große Sensation in der Welt der Philosophen, Gelehrten und aller Derer Hervorrufen wird, welche ausrichtig die Wahrheit suchen und denen die religiöse Idee kein eitles Wort ist; daß es aber auf der einen Seite Bewunderung, auf der andern Seite Widerspruch und Herabsetzung finden werde." — Herr L. Adam giebt im L’Impartial vom 4. Decew.ber 1856 eine sehr geistreiche, aber dennoch unklare Beurtheilung. Derselbe ist wohl unterrichtet in den Ansichten Mendelssohns und dem Gange des Judenthums seit jener Zeit; er erachtet das Werk, von dem hier die Rede ist, für naturalisirt in Frankreich. Er sagt: „Geoffenbarter Deismus und gouvernementale Demokratie find das Wesen des religiösen und socialen Mosaismus, aufgebaut auf eine geschichtliche Theorie, die unwiderlegbar ist in der Verkettung der Thatsachen, aber falsch in ihrer Anwendung, jedoch original, anziehend, und sicherlich weit über Dem, was unsere französischen Geschichtschreiber sich eingebildet haben, die zuletzt immer noch im Druidismus stecken." Eigenthümlicher Weise sucht er den ganzen Kampf in der Entscheidung zwischen der Unität und Trinität und verlangt vom Christenthume, daß es die letztere philosophisch erweise. — Ein sehr wohlwollender Beurtheiler in dem Journal de la Meurtlie vom 3. December 1856 billigt zwar die in dem Werke angestellten Untersuchungen, weist sie aber dennoch aus dem Grunde zurück, weil jeder Schritt von den bestehenden Kirchen ab das Individuum tausend Gefahren aussetze. — In der That mußten aber unsere Vorlesungen nach zweien Seiten hin auf Unliebsamkeit stoßen, nämlich bei den Ertremen an den beiden Enden der großen Linie, welche der Geist der Menschheit schreitet. Die Ultramontanen und Radikalen konnten nur Anstoß in ihnen finden; die Ersteren, weil es eine Untersuchung in freiem Geiste galt, die Anderen, weil hier jede Selbstvergötterung der menschlichen Vernunft, jede Loslösung vom geschichtlichen Boden zurückgewiesen, und die Wurzel der Erkenntniß in der göttlichen Offenbarung gefunden wird. Es ist leicht zu erkennen und zu erklären, daß die beiden Ertreme viel lieber die Werke ihrer ertremen Gegner als Arbeiten Derer sehen, welche fern von ihnen, die geschichtliche Entwickelung auf dem Boden des Geoffenbarten und Ursprünglichen erweisen, daß fie jede Fortbestrebung innerhalb der Confesstonen und Religionen verabscheuen, weil diese ihnen mehr zuwider sind, als selbst ihr ertremer Gegensatz. Dennoch kann man nicht läugnen, daß jene beiden Parteien mit sehr verschiedenen Mitteln kämpfen. So brachte ein ultramontanes Blatt, L’Esperance, vom 20. November 1856 eine Beurtheilung, welche ups Meifelhast läßt, ob der Kritiker mehr als den Titel des Buches gelesen, oder ob er trotz der Lectüre nicht anders hat schreiben wollen, so sehr greift er die Beschuldigung aus der Lust und häuft Jnvectiven, ohne daß sie einigen Anhalt in dem Buche finden, ja, auch offenbare Unwahrheiten verschmäht der fromme Mann nicht. Es ward daher dem obengenannten Herrn Adam, einem ausgezeichneten jungen Rechtsgelehrten, Katholik, leicht, der Esp6rance in dem Impariial das gerade Gegentheil aus dem Buche zu erweisen. Hingegen ist es das beliebte Mittel der andern Partei, Alles, was nicht in ihren Kram paßt, in einen und denselben Topf zu werfen, und, indem sie sich den Anstrich, zu generaliflren, giebt, mit einem Federstrich den Unterschied und die Resultate der verschiedenen Bestrebungen durchzustreichen. Dies gilt von einem längeren Aufsatz im Brüsseler National, der sich durch mehrere Nummern des März 1857 zieht, überschrieben: Revue du mouvement philosophic. Nach mehreren, aus dem Zusammenhänge gerissenen Stellen weiß der Verfasser jenes, übrigens glänzend geschriebenen Artikels nichts mehr zu sagen, als daß der Neo-Judaismus philosophischer und freimülhiger auftrete als der Neo-Protestantismus und daß unser Werk die Fortsetzung einer Schule sei, die schon längere Zeit bestehe. Wir find hiermit am Ende unsres Referats, welches nichts weiter bezweckte, als unfern Lesern einen Einblick in die Sachlage zu gewähren und unsere Glaubensgenossen in Frankreich, namentlich die jüngeren, aufzumuntern, ihrerseits die begonnene Bahn zu verfolgen und nach innen und außen für die Anerkennung der religiösen Idee zu arbeiten. Uns ist es schon genug, auch in Frankreich die allgemeine Welt auf die frische Treibkrast aufmerksam gemacht zu haben, welche im intellectuellen Israel lebendig ist und ihre Schößlinge, nach dem Worte der Schrift, über die Mauern hinausstreckt, welche so viele Jahrhunderte uns von der Welt und die Welt von uns getrennt haben. Pie Juden im alten Nom. Wir haben uns von jeher bemüht, jene noch immer weit verbreitete Meinung zu widerlegen, als ob die Juden nur innerhalb der modernen Welt in socialer Beziehung