Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 8 (15.2.1858)
- Date
- 1858-02-15
- Page
- Seite 110 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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110 «er mächtigen Hand die Handlungen der Menschen wägt, und der allein berechtigt ist, unser Leben zu richten; flehen wir ihn an, mit Nachsicht und Erbarmen die Seele dieser armen Frau, die inmitten ihrer Karriere, aber auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes gestorben ist, aufzunehmen." Die Arclnvee fügen hinzu: „Wir billigen laut die Einfachheit und das Passende dieser Rede, so verschieden von den Uebertreibungen, die man sich außerdem erlaubt." Die Familie der Rachel hat die jüdischen Trauergebräuche respectirt, man hat Minjan gemacht während der sieben Trauertage und die Familie beobachtete diese. Am Begräbnißtage vertheilte man eine Summe Geldes an die Armen und bestimmte eine noch größere für die verschiedenen Institute. — Was unS betrifft, sagt Herr Cahen, so denken wir an die glückliche Verschiedenheit der Epochen. Es sind jetzt zwei Jahrhunderte her, daß man, weil der unsterbliche Schauspieler und Dichter Moliere in den guartiel'8 (los fripiers juifs geboren war, ihn zu kränken glaubte, indem man ihn beschuldigte, ein geborener Jude zu sein, und bei seinem Tode bezeugten skandaleuse Auftritte den Abscheu der Kirche gegen den Comödianten: gegenwärtig stirbt Rachel als Jüdin, Jedermann weiß es, Jedermann sieht es, und ihr Begräbniß ist ein Ereigniß. . — Wir haben vor Kurzem die häufigen Angriffe erwähnt, welche gegenwärtig in Frankreich eine gewisse Sorte von Schriftstellern auf die Juden zu häufen beliebt. Um so mehr ist eS unsre Pflicht, die glänzende Weise hervorzuheben, in welcher solche Beleidigungen zurückgewiesen werden, sobald sie zur Kenntniß der höheren Behörden kommen. Wir geben folgenden Artikel aus den Arch. isr. de France wieder: „Zuchkpolizeigericht der Seine - Sitzung vom 30. September 1857. Angriff auf die Freiheit der Culte. In einem Werke, betitelt: „Wahre und falsche Katholiken", hat ein Herr Martin die Freiheit der Culte heftig angegriffen und die Achtung vor dem religiösen Glauben der Israeliten verletzt. Indem er von den Riedermetzelungen der Juden vor dem Abmarsch zu den Kreuzzügen spricht, wagt er zu sagen, daß diese Erecutionen durch eine glühende Frömmigkeit eingegeben seien, daß die Kirche nicht zu protestiren wage (gue l’Eglise n’ose pas protester), und baß jeder gute Katholik sich vor diesem Schweigen beugen müsse. Weiterhin fragt er sich, mit welchem Rechte die Emancipation der Juden ausgesprochen sei, und wie könne man herzlich die Hand der jüdischen Hand bieten, die noch vom Blute Gottes befleckt sei? Auf Nachsuchen dcö öffentlichen Ministeriums hat die sechste Kammer, unter Vorsitz des Herrn Berthelin, das wichtige Urtheil abgegeben, von dem nur der Mangel an Raum uns verhindert, die bemerkenswerthen Gründe wiederzugeben (s. le Droit vom 31. December 1857), ein Urtheil, welches den Herrn Martin zu sechs Monaten Gefängniß und zu 2000 Frcs. Strafe verurtheilt. Was uns in dieser Sitzung ausgefallen, sind nicht allein die erhabenen Motive, auf die sich dieses Urtheil gründet, sondern es ist das merkwürdige Requisitorium des Herrn Ducreur, Substituten des kaiserlichen Procurators. Dieser bedeutende Rechtskundige hat, die Geschichte in der Hand und sich auf die Kirchenväter stützend, bewiesen, daß die Anführungen des Herrn Martin lügenhaft seien; er hat dem großen Acte der Emancipation im Jahre 1789 seinen wahren Charakter restituirt und hat in einer herrlichen Sprache die Unverletzbarkeit der Freiheit der Culte proclamirt. Man kann sich trösten über die abgeschmackten Angriffe und Verleumdungen im Angesichte einer solchen Sitzung, wo Alle, Advocaten, Magistrate und öffentliches Ministerium den ewigen Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Duldsamkeit eine glänzende Ehrenerklärung abgaben, die heutigen TageS den französischen Israeliten als Schutz dienen, und ihnen mehr als jemals die heilige Verpflichtung auferlegen, die Pflichten eines guten Bürgers zu erfüllen und Frankreich beizustehen, seine Stellung an der Spitze der civilisirten Rationen aufs Glänzendste zu behaupten. — —. Unter die Opfer des Attentats vom 14. Januar gehört auch Herr Samuel, Quartiermeistcr in der Garde von Paris, der sehr schwer verwundet worden ist, so wie noch mehrere Israeliten. Gott sei Dank: während schon oft genug Israeliten zu den Opfern solcher scheußlichen Attentate gehörten, ist noch niemals ein Israelit unter derartigen Verbrechern genannt worden! Anzeigen. Erzieher-Gesuch. Eine hochangesehene Familie sucht einen Erzieher zur Leitung und Bildung ihres Sohnes. Derselbe soll gewandt, erfahren und umsichtig sein. Adressen sinv an Herrn Dr. Jellinek, Prediger der israel. Cultus- Gemeinde in Wien, zu richten.