Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 8 (15.2.1858)
- Date
- 1858-02-15
- Page
- Seite 107 (sequence 9)
- Language
- German
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107 licher prüfender Blick, über dessen Güte und Brauchbarkeit zu urtheilen. Daß aber die Brauchbarkeit nicht sonderlich zu empfehlen ist, haben die conferirenden Rabbiner mit stoischem Gleichmuth offenherzig durch die protokollirte Verwahrung des Kirchenraths Maier aus Stuttgart dargethan; er erklärte nämlich, daß er in seiner Gemeinde die hebräischen Gebete in ihrer bisherigen Fassung mit geringen Abänderungen belassen werde. Eben so legten andere conferirende Mitglieder die Schwierigkeit dar, daS neue hebräische Gebetbuch in ihre Synagogen einzuführen, so wie es auch sehr wahrscheinlich ist, daß die hiesige Gemeinde dies inländische Fabrikat nicht benutzen werde und es sind die Bediensteten der Synagoge bereits instruirt, ohne die Anordnung ihrer Vorgesetzten von dem jetzt bestehenden cultuellen Ritus nicht abzuweichen. Die ganze Arbeit ist daher eine Nrcb'n, oder wie eS in der modernen Sprache heißt, ein Gebetbuch der Zukunft. Was nun den Entwurf selbst betrifft, müssen wir anerkennen, daß die Conferenz ihr Censuramt mit der möglichsten Rücksicht auf das Bestehende verwaltete, in so weit solches nicht mit den zu Grunde gelegten Principien in Collision stand. Diese Rücksicht führte sie aber zu Inkonsequenzen, die eine vernünftige Logik nicht gut heißen kann. Wenn z. B., wie es der Entwurf darlegt, die Gebete um Wiederkehr nach Palästina principiell zu streichen sind, welche Bedeutung hat nun die 14. Gebetformel um die Wiedererbauung Jerusalems? soll man sich etwa ein geistiges Jerusalem darunter denken — eine geistige Kirche? Ferner, wenn der Entwurf die im jüdischen Glauben festgewurzelte Hoffnung auf eine Restituirung des Davib'schen Königshauses zur messianischen Zeit abwirft, so ist die 15. Gebetformel, die im Entwürfe ^122» nns ns ‘jrp»» lautet, ein Unsinn. So wird auch in der 10. Gebetformel, welche die Ueberschrift „Befreiung" hat, das nvba ynap in die nicht hierher gehörende Formel verwandelt: „Einige die Herzen der Zerstreuten Deines Volkes, Dir in Wahrheit zu dienen. Gelobt..... der die Zerstreuten seines Volks Israel vereint (irrra). — Eine Transaction ist aber bei der in unsrer Zeit herrschenden principiellen Verschiedenheit der Glaubenssätze eine Halbheit, „Pie Keinem genügen kann; die Conferenz hätte bähe-. in diesem Gebetbuch der Zukunft ihr Princip mit allen Consequenzen durchsetzen und von den 18 Gebetformeln die beregten ganz und gar wegstreichen sollen. — Auf eine Konformität im musikalischen Theil der Liturgie, welche die Conferenz gleichfalls anstrebt, legen wir kein Gewicht, denn die jüdische Liturgie beruht auf einer innigen Herzensergießung, auf den im Geiste der Religion formulirten Worten und nicht auf melodischen Klängen, deren Conformität überhaupt bei den verschiedenen wirksamen musikalischen Kräften, bald mit, bald ohne Orgelbegleicung, eben so schwer herbeizuführen sein würde, wie die Einführung des emendirten Gebetbuchs, und wenn wir nach dem Entwurf auch beten sollen: „Einige die Herzen Deines Volkes" re. rc., so verstehen wir wenigstens die Einheit der Melodien nicht darunter. — R. Kirchheim. Preußen. Raudten in Niederschlesien, im Januar. (Privatmitth.) Seit Jahren schon fungiren an der Spitze der hiesigen Stadtverordneten-Versammlung 2 Israeliten, die Herren vr. meä. Leppmann und Kaufmann M. Story, Ersterer in der Eigenschaft als Vorsitzender und Letzterer als Protokollführer. Bei den im Januar jeden Jahres vorschriftsmäßig vorgenommenen Neuwahlen wurden dieselben, was auch im Laufe dieses Monats ebenfalls der Fall war, von ihren christlichen Collegen stets einstimmig wieder mit diesen Ehrenämtern betraut. Berücksichtigt man nun, daß hiesiger Ort nur 7 jüdische Familien zählt, so verdient gewiß dieser Fall um so mehr hervorgehoben zu werden, als dadurch die Ueberzeugung gewonnen wird, daß Fähigkeiten und Verdienste um die Commune, ungeachtet noch herrschender Vorurtheile, anerkannt werden. Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 27. Januar. (Privatmitth.) Die Augsb. Allg. Zeitung berichtete jüngst über die Regsamkeit in neuerer Zeit auf historischem Gebiete in Oesterreich. In dieser Correspondenz sind auch genannt die Herren Mar Büdinger und vr. Bärwald. Von dem Ersteren ist eben jetzt der erste Theil einer Geschichte Oesterreichs erschienen, die von dem gelehrten Publikum in besonders freundlicher Weise ausgenommen wird. Es zeigt dieses mindestens, daß die Befürchtungen bezüglich eines antikatholischen Professors für Geschichte nicht ganz gerechtfertigt sind. Herr Bü- 8