Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 7 (8.2.1858)
- Date
- 1858-02-08
- Page
- Seite 95 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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95 zur Natur gewordenen Streben nach Wissenschaft und Bildung erklärt werden. „Nur kein Am Hörer soll mein Kind werden!" war von jeher der Spruch jedes jüdischen VaterS und so ist eS noch jetzt, nur nach einer anderen Richtung hin. Wie wäre es erst, wenn den jüdischen Jünglingen nicht von vorn herein so viele Wege versperrt wären, auf denen ste ihre Talente und ihr reichlich erworbenes Wissen zur Geltung bringen könnten! WaS machen die Rabbinen Mährens? höre ich Sie fragen. Es freuet uns, viel Schönes und Gutes berichten zu können. Viele der Rabbinatssttze Mährens haben jetzt Männer aus der neuesten Schule inne; Männer, die aus dem Born der Wissenschaft mit vollen Zügen getrunken, die aber dennoch in den rabbinischen Studien nicht im mindesten zurückstehen. Sie arbeiten wacker als Volkslehrer auf der Kanzel und als Jugendlehrer auf dem Katheder. So ist z. B. Herr Dr. Duschak in Gaya, welcher die nach Rabbiner Weiße übernommene Schule mit Emsigkeit fortführt; so ist Herr vr. Hirschfeld, dem es im Laufe deS Jahres gelungen, in Großmeseritsch eine recht gute hebräisch-deutsche Schule zu organisiren; so bemüht sich Herr vr. Levinstein in Budschowitz, in seiner erst kürzlich erlangten Gemeinde als Prediger und Schulmann Ersprießliches zu leisten. Aber auch die älteren Herren haben von der Neuzeit so viel als möglich sich anzueignen gestrebt und arbeiten nach ihren Kräften rüstig für Verschönerung des CultuS und für Verbesserung deS Unterrichtes. So entstand erst kürzlich in Eibenschütz unter dem Rabbiner-Beteranen Herrn Oppenheim eine gute Schule, eben so eine in Lomnitz durch daS eifrige Bemühen des Herrn Rabbiner Altenstein. In Neuraußnitz hält Herr Rabbiner Stößel allsabbathlich Religionsvorträge für die reifere Jugend beiderlei Geschlechts und erfreut sich dadurch der gebührenden Anerkennung von Seiten seiner Gemeinde, die ihm auch im vergangenen Jahre durch ein schönes Festgeschenk ihre Anerkennung ausdrückte. Wohl verdienen auch hier unsere Schullehrer eine rühmliche Erwähnung; es sind nicht mehr die alten sogenannten Normallehrer, die auf zwei, höchstens vier Schulstunden sich beschränkten und die jeder Bemühung, den deutschen mit dem hebräischen Unterrichte zu verbinden, mit Trotz und Halsstarrigkeit sich entgegenstemmten. Wir wollen, um einige Namen nur zu nennen, Herrn Goldschmid und Freund in BoSkowitz (die eben vom Ministerium des Unterrichtes zu Lehrern an der Musterhauptschule zu Großwarvein ernannt wurden), Herrn Bondy in Pohrlitz, Herrn Gottlein, seit Kurzem in Proßnitz, Herrn Levy in Lundenburg rühmlichst hervorheben. Nur dort, wo noch ein starrsinniges Eremplar der älteren Normallehrer vorhanden, trifft man noch die antediluvianischen Schulen und die Mamuthknochen der Chedarim. Leipnik, Raußnitz, zum Thcil auch Proßnitz könnten alö Beispiel dienen. — Die vorzüglichste Schule besteht unstreitig in Boskowitz; sie ist auch die einzige jüdische vierclassige Hauptschule, die zur Ausstellung von staatsgültigen Zeugnissen berechtigt ist. Hier hat sich auch in neuester Zeit eine Jeschivah der Neuzeit, ein Rabbinals-Seminar im Kleinen gebildet. Schon vor mehreren Jahren war der Herr Landesrabbiner Placzek bestrebt, die jungen, dem Rabbinalsstande sich widmenden Männer nach Absolvirung ihrer Gymnasial- und Philosophiestudien zu sich einzuladen, um unter seiner Anleitung die rabdinischen Wissenschaften sich desto leichter aneignen zu können, und hat er auch vor Jahren schon beim hohen Finanzministerium angesucht, daß jedes Jahr zwei Sludirende der jüdischen Theologie mit einem Stipendium von 200 Fl. C.-M. aus dem mährisch-jüdischen Landesmassafonde betheilt werden mögen, damit sie unter ihm sorgenfrei ihren Studien obliegen könnten. Wir wissen nicht, warum die Bewilligung auf dieses Ansuchen nicht erfolgte. Im vorigen Jahre hat sich die Sache wie von selbst gemacht. Der Sohn des Herrn LandeSrabbinerS, Herr vr. Placzek, kam nach Hause, um bei seinem Vater die rabbinischen Studien zu beenden; dieser zog noch einen andern strebsamen jungen Mann, Herrn vr. Bäck, und noch einige jüngere Kräfte herbei, und so bildete sich factisch ein kleines Collegium rabbinicum, freilich mit bedeutenden Opfern von Seiten des Landesrabbiners und einzelner Gemeindeglieder. Lobenswerth ist es auch, daß die Gemeinde den hervorragenderen Candidaten die Kanzel eröffnet und diesen hierdurch Gelegenheit gegeben hat, in der Kanzelberedsamkeit sich zu vervollkommnen. Hierfür genießt sic aber auch den Lohn, an den aus frischer Begeisterung strömenden Reden öfter sich erbauen zu können. Ein kleiner Anfang wäre also gemacht, und es könnten später die Ibeologiae-Candidaten die gebotene Gelegenheit benutzen. Woher wir aber in Zukunft solche Candida-