Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 7 (8.2.1858)
- Date
- 1858-02-08
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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86 (Lamenais), als auch eine sogenannte Naturreligion (Jules Simon) erstehen zu lassen, konnte eine Schrift, welche die reine religiöse Idee in der Grundlage der positiven Religionen aufzusuchen und die Geschichte dieser religiösen Idee durch den Entwickelungsproceß der positiven Religionen zu verfolgen sich bemüht, die Aufmerksamkeit wohl erregen. Daß die gedachten Vorlesungen durch ihre Form und ihren Charakter hiezu auch geeignet waren, dürfen wir wohl aussprechen. Das französische Publikum mehr als jedes andere wird durch einen gelehrten Apparat abgeschreckt; es will die Resultate in faßlicher, aber lebhafter, ja eleganter Sprache haben, und liegt dies schon in dem Wesen von Vorlesungen überhaupt, so that die Hand des geistreichen und begeisterten Uebersetzers das Uebrige, ohne dem deutschen Originale nahe zu treten. Sprechen sich doch auch hierin alle Kritiken übereinstimmend aus, daß die Uebersetzung sich ganz wie ein französisches Original lese. Demungeachtet kann man nicht verkennen, daß die gedachte Schrift auch viele Momente enthält, welche ihr die Neigung ihrer nichtjüdischen Leser abwenden mußten. Es liegt nun einmal in der Natur der Verhältnisse, daß man dem Judenthume ungern eine Stimme in den allgemeinen Kreisen einräumt; daß eine Schrift, welche dem Judenthume die hervorragendste Stellung in der Geschichte des Geistes zuweist, antipathisch wirken muß; daß eine Schrift, in welcher bei größter Ruhe, bei sorgfältiger Vermeidung alles Feindseligen, dennoch die Gegensätze und Widersprüche aufs Freimüthigste markirt werden, selbst unbewußt in den Lesern Widerstand Hervorrufen mußte. Gerade darum muß uns die Betonung, welche diese Schrift in Frankreich und Belgien gesunden, als eine Thatsache erscheinen, welche für eine allgemeinere Anerkennung des Judenthums in diesen Ländern einen erfreulichen Anhaltspunkt giebt. Aus denselben Gründen erhoffen wir aber auch eine noch größere Wirkung von dem Erscheinen der zweiten Vorlesungen, weil diese, immerfort die Resultate des Judenthums als eine Parole der Menschheit hervorhebend, doch sich weit mehr in die allgemeinen Verhältnisse versenken, so daß sie, die Antipathie gegen das Judenthum überwindend, doch durch weniger directe Angriffe den nichtjüdischen Leser weniger gegen sich einnehmen. Gehen wir nun etwas näher auf die Urtheile der Journale ein. Die „llevue des deux mondes“*) spricht sich unter Anderm folgendermaßen aus: „Es scheint, daß der Judaismus in diesem Augenblicke eine Lebenskraft, eine neue Energie entfaltet und den Beweis für eine kräftige Verjüngung führt." Nachdem sie nun den Hauptinhalt des Werkes skizzirt hat, fügt sie die sehr charakteristischen Worte hinzu: „Es ist in diesem Buche eine neue Philosophie der Geschichte vom israelitischen Gesichtspunkte aus gegeben, welche die Aufmerksamkeit der intelligenten Menschen auf sich ziehen muß." Wir gestehen, daß diese letzten Worte uns sehr frappirten, und uns beweisen, daß der Kritiker den höchsten Zweck, der uns vorgeschwebt, sehr wohl verstanden. — Das „Journal de Ddbats“ *) hebt ebenfalls das erstere Moment hervor, indem es sagt: „Die Lebenskraft des hebräischen Genius (la vitaliü du genie hebreu) ist sehr gut in einem Buche dargestellt, welches u. s. w." Diese Bemerkung über unsre Schrift von Herrn Eduard Laboulaye steht in Begleitung einer Widerlegung der bekannten Schrift von Renan (Histoire des langues sßmitiqucs), welcher die semitische Race den Indo-Europäern in geistiger Beziehung untergeordnet behauptet hatte, einer Widerlegung, aus welcher wir für den Zweck dieses unsres Artikels die folgende Stelle übertragen müssen: „Ich erkenne wohl die Verschiedenheit der Anlage der beiden Racen, aber ich sehe nicht, worin die Inferiorität liegt. Wenn der Verfasser gesagt hätte, in der Philosophie, den Künsten, den Wissenschaften, so kann man den ersten Platz hierin weder den Indiern, noch den Griechen streitig machen. Niemand würde dies Urtheil angreifen, welches die Geschichte bestätigt; aber um blos von den Juden zu sprechen, erhebt Israel sich nicht durch die Größe seiner Religion? Indien mit all' den Wundern seiner Einbildungskraft, Griechenland mit aller seiner Anmuth und Vollendung konnten niemals aus einem entnervenden Pantheismus herausgehen; Moses im Gegentheil, Gott nicht allein zu einer Intelligenz, sondern zu einem schöpferischen und von der Welt unabhängigen Willen machend, Moses hat zugleich die menschliche Freiheit, welche aus der Freiheit Gottes fließt, begründet. Ist dies eine den antiken Philosophemen untergeordnete Auffassung, und setzt sie weniger Genie voraus? Ist es eine untergeordnete Race, diese Juden, die inmitten so vieler Mühsale ihren Rang in der Welt behauptet haben, wahrend Indien mit seinem Heidenthum in einen Zustand von Erniedrigung, ohne Heilmittel, gefallen ist? Wo war also die Kraft, das Leben, die wahre Erhabenheit? Was ist unsre von der Bibel durchtränkte Civilisation anders, als ein Sieg des semitischen Geistes *) Vom 18. December 1856. *) Vom 2. December 1856.