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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-02-01 · Heft 6 (1.2.1858) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 6 (1.2.1858)
Date
1858-02-01
Page
Seite 72 (sequence 2)
Language
German
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72 ligionen, die aus ihm ihren Ursprung gezogen, alles Leben und alle welthistorische Bedeutung verloren habe, gründlich widerlegt und ausdauernd vernichtet werden muffe. Erst wenn das Bewußtsein, sei es auch zuerst in leisen Anklängen, dann aber mit unwiderstehlicher Gewalt in Freund und Feind aufsteigt: hier sei noch ein Großes enthalten, was das Judenthum zu geben habe, hier sei noch eine providenzielle Bestimmung zu erfüllen, eine welthistorische Aufgabe zu lösen! kann das Judenthum diejenige Stellung eingenommen zu haben glauben, welche ihm gebührt, und welche allein ihm die rechte Wirksamkeit verschaffen kann. Es ist bemerkenSwerth, wie verschiedentlich diese Anerkennung in den verschiedenen Ländern, oder sagen wir lieber unter den verschiedenen Nationen sich gestaltet. Wir können sagen, daß sie in England bereits am stärksten ist. Zwei Ursachen trugen hierzu bei. Die Engländer sind unstreitig in aller Welt die bibelfestesten Menschen, welche in allen Ständen, Geschlechtern und Lebensaltern die Bibel mit dem frömmsten Sinn nicht blos betrachten, sondern immerfort lesen und darin das wahre Heil der Seele finden. Sie kennen und ehren daher das Judenthum aus seiner ersten und ewigen Quelle. Dann sind auch die Engländer in religiöser Beziehung Diejenigen, welche die Bedeutung der Religion im Großen der allgemeinen Menschenwelt am wenigsten, in ihrer Wirksamkeit auf das Individuum am höchsten schätzen, und die deshalb die traditionelle Gestalt einer jeden Religion, die sich auf die Bibel gründet, achten und deshalb das Judenthum in seiner Kraft aus die ihm angehörenden Individuen anzuerkennen geneigt sind. Gerade aus dieser Richtung ist es erklärlich, warum die Engländer mit so vielen Opfern das Missionswerk pflegen, weniger, weil sie daraus den allgemeinen Sieg ihrer Kirche hervorgehend glauben, denn so kurzsichtig sind sie nicht, als weil es ihnen schon wichtig ist, eine Anzahl Individuen zu gewinnen. Die Feindseligkeit, welche die Engländer von Zeit zu Zeit gegen den Katholicismus zeigen, streitet Hierwider nicht, da jene rein aus historisch-politischen Ursachen entstanden ist. So vielen mißliebigen, ja gehässigen und vorurtheilsvollen Auslassungen gegen das Judenthum — wovon die Erpectoralionen gegen die Juden zu trennen sind — wir auch in Deutschland noch begegnen, so ist dies doch das Land, in welchem das Judenthum durch die Unermüdlichkeit und den ausdauernden Kampf seiner Anhänger eine immerhin schon zu achtende Anerkennung sich errungen hat. In Deutschland kommt es vor Allem darauf an, nicht zu schweigen; hier, wo das öffentliche Leben so schwachdaß literärische aber so stark ist, hier muß man seine Stimme erheben, fort und fort und immer von Neuem erheben, will man gehört werden, nicht durch maßlose und leidenschaftliche Ausfälle, sondern durch Darstellung und Durcharbeitung in allen Formen und Weisen. Hat man da erst auch nur den kleinsten Kreis gefunden, in welchem man Beachtung gewonnen, so dringt man von da aus immer weiter durch und die Hochschätzung wird, wenn auch langsam, doch unaufhaltsam wachsen. Bon allem Dem nichts in Frankreich. Sieht mau dort von der großen, allzugroßen Masse Derer ab, welche dem materiellen Leben allein angcbören, so giebt es nur noch zwei Partien, und beide stehen dem Judenthume schnurstracks entgegen. Die eine ist die kirchliche, welche, da ste sich gerade bei den Franzosen zum UltramontaniSmus gipfelt und dabei auf nichts weniger als auf grünvliche Forschung und Gelehrsamkeit stützt, jedes Hervortreten des Judenthums feindselig betrachtet. Die andere besteht in der zahlreichen Claffe von Denkern und Nichtdenkern seit den Encyclopädisten, welche alle positive Religion mindestens für überflüssig halten und einen Humanitarismus für die Krone der Eivilisation erkennen, welcher außerhalb aller Religion steht. Diesen wird es nicht minder schwer, dem Judenthume irgend eine Stellung in der Welt des Geistes einzuräumen. Ihnen sind die Juden, so weit sie gebildet und gute Bürger find, willkommen, an denen man ihr Judenthum eben übersieht, wie man auch an anderen Menschen den Rest ihrer Kirchlichkeit duldet. Höchstens ist es ihnen recht, wenn aus dem Arsenal des Judenthums irgend einige Gedanken und Motive, wenn auch aus dem Zusammenhang gerissen, für ihre Richtung hervorzügehen scheinen. Wie überall und wie natürlich, haben auch in Frankreich die Juden den allgemeinen Richtungen sich hingegeben, und so geschah es, daß gerade da, wo in Europa die bürgerliche Gleichstellung am ersten ausgesprochen und am entschiedensten verwirklicht worden, wo jüdische Individuen in allen öffentlichen Zweigen des Lebens und Dienstes die achtunggebietendste Stellung einnahmen, wo andrerseits die moderne Welt zum ersten Mal das Schauspiel einer Versammlung jüdischer Theologen und Laien zur öffentlichen Aussprache über den socialen Werth des Judenthums, das Sanhedrin unter Napoleon l. hatte, und seit 28 Jahren der jüdische Cultus einen nicht unbedeu-

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