Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 5 (25.1.1858)
- Date
- 1858-01-25
- Page
- Seite 64 (sequence 8)
- Language
- German
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64 über die Länder des Westens geschwärmt. Ueber fünfzehn Jahrhunderte saßen fie innerhalb der engen Grenzen ihres kleinen Landes fest und sandten keine Colonien aus, weder aus Durst nach Gold und Eroberungen, noch aus politischen Stürmen und Uebervölkenmg der Heimath, noch um dem Religionszwange im eigenen Lande zu entgehen. Erft das Machtgebot Alexanders versetzte Hunderttausende nach seiner neuen Stadt in Aegypten und der Herrscherzwang des Seleukus nach Antiochien. Und nach der Zerstörung Jerusalems, nachdem der Römer sie über die Erve zerstreute, haben die Juden immer und überall sofort eine Heimathstätte gegründet, wo es ihnen gestattet war; wenn fie wunderten, so geschah es lediglich, wo sie vertrieben wurden, wo das Schwert ver Verfolgung sie bedrohte. Dann rissen sie sich mit Thränen von dem geliebten Vaterlande los, und ihr einziges Bestreben war, so schnell wie möglich wieder einen Sitz zu erlangen. Wie viele Opfer brachten sie, um in der theuren Heimath zu bleiben, wenn die Habgier der Machthaber dies benutzte, um sie auszupressen. Ueberall, wohin sie kamen, eigneten sie sich, so weit es ihnen gestattet ward, Sitte, Charakter und Sprache des Landes an. Aber dies Alles liegt nun schon seit fast einem halben Jahrtausend hinter uns; mit geringer Ausnahme wohnen die Juden seit so langer Zeit schon da, wo sie wohnen und ihre Auswanderung steht mit der der europäischen Völker in gar keinem Verhältniß; die Juden waren die Letzten, welche nach Amerika gingen, und die europäischen Colonien am Cap, in Ostindien, in Batavia und China zählen der Juden sehr wenige. Der Verfasser jenes Artikels kann sich selbst in Paris und noch mehr in Berlin, Hamburg, Augsburg, überall überzeugen, daß es viel wenigere „unstäte, wandernde Töchter Juda's" als anderer Confessionen giebt. Wir würden daher den Herren Romantikern zurufen: lasset doch endlich von Euren eingebildeten, ungeschichtlichen Phantasmagonen, wenn diese Männer überhaupt von Etwas lassen könnten, was sie sich einmal eingeredet. Sie sehen immer noch die Juden jammernd und schreiend aus und nach den Thoren Jerusalems ziehen, und erlaben sich an diesem Bilde so sehr, daß sie es eben so wenig lassen wollen, wie der Zecher sein Glas. Demungeachtet weiß der Vers. sehr wohl, was er will; er will sagen: die Rachel war keine Französin, fie war eine Jüdin; die französische Tragödie war todt, aber die Jüdin stößte ihr Leben ein, ja höheres, bedeutungsvolleres Leben, als die französische Tragödie jemals und an sich besaß. Warum spricht er dies nicht einfach aus? 'ürchtet er etwa, daß wir ihn dann beim Worte nehmen möchten, und sagen: sehet Ihr, wozu die Juden noch gut >ind? sehet Ihr, welch' Genie in diesem Stamme noch lebt? seine Kinder vermögen noch da, wo Etwas unter Euch abgestorben ist, neues und größeres Leben einzuflößen, hervorzurufen! Und der Verf. sagt doch selbst: „es lag etwas selten Primitives, rein Menschliches in ihren Darstellungen", „ihre Gebilde waren wahrhaft classisch!" Also dieser jüdische Geist, dieses jüdische Leben ist primitiv, rein menschlich, classisch. Der Verf. gebe wohl Acht, nicht wir haben dies Alles gesagt, sondern er; wir haben ihn nur genöthigt, mit der Sprache herauszurücken, und sie der unnörhigen und falschen Verhüllung zu entkleiden, und so lassen wir sie uns dann gefallen. Eine geschichtliche Demerkung. In der neuesten Zeit-kommt es immer mehr zum Bewußtsein, daß die wahrhafte Geschichtsforschung ihren Hauptaccent nicht sowohl auf die Facta der politischen Geschichte, als vielmehr auf die Kulturgeschichte zu legen hat. Ganz besonders aber ist dies der Fall in der Geschichte des jüdischen Stammes, in welcher zu aller Zeit die politische Stellung und die politischen Ereignisse doch nur die Unterlage einer höheren Idee waren, und in welcher seit der Römerzeit die Geschichte nur die monotone Aufzählung der Verfolgungen und Rettungen darbietet. In der Culturgeschichte ist aber oft das kleinste Monument der Vergangenheit von außerordentlicher Bedeutung, wenn ein schöpferischer Geist diese jenem abzugewinnen versteht. So läßt z. B. die Geschichte der jüdischen Namen tiefe Blicke in den Culurzustand der Juden zu den verschiedenen Zeiten werfen, namentlich wie weit die Annäherung der Juden an die Völker, in deren Mitte sie lebten, ging, und sie sich mit Denselben zu amalgamiren geneigt waren. Jedermann weiß, wie viele Namen griechischen Ursprungs schon in der Mischna Vorkommen, und die großer Lehrerin Israel waren. Alle Monumente der Römerzeit zeigen — wir haben jüngst erst die Inschrift eines neugefundenen Grabsteins mitgetheilt — daß die Juden vielfach römische Namen und römische Sitte angenommen hatten. So geht auch aus der Geschichte der Namen bei den deutschen Juden hervor, daß unsre Zeit mit ihrer jetzt allgemeinen Neigung, moderne Vornamen anzunehmen, nicht allein steht, sondern daß es schon eine Zeit gegeben,