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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-01-25 · Heft 5 (25.1.1858) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 5 (25.1.1858)
Date
1858-01-25
Page
Seite 63 (sequence 7)
Language
German
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63 Schauspieler und Schauspielerinnen der Theater, ihre Directoren und Regisseure an der Spitze; die Notabilitäten der israelitischen Familien : Rothschild, Pereire, Mirös, Millaud u. s. w. Um 11 Uhr begann der Großrabbiner die vorgeschriebenen Ceremonien, während die Menschenmenge dermaßen angewachsen war, daß der Sergenls de Ville eine Compagnie Linien-Infanterie beigegeben werden mußte. Um 12*/4 Uhr wurde der Sarg auf den reichen mit sechs Pferden bespannten Leichenwagen gehoben und mit Gold- und Lorbeerkränzen bedeckt. Zwölf Trauerwagen folgten. Den Trauerzug führten Raphael Felir, der Buchhändler Michael Levy, ein ergebener Freund Rachels, und Gabriel, der jüngere Sohn der Verstorbenen. Alexander, der ältere, ist in Genf. Dann kamen sämmtliche Mitglieder der Comedie francaise, die Deputation der dramatischen Dichter, Freunde und Verwandte, und eine zahllose Menge aller Stände und aller Confessionen. Die Zipfel des Bahrtuchs hielten Baron Taylor, Hr. August Maquet, Präsident der Gesellschaft der dramatischen Dichter, Alerander Dumas und Geoffroy vom französischen Theater. Unter den Anwesenden bemerkte man noch Scribe, Alfred de Vigny, Saint-Beuve, Emilie Augier, Haley, Leon Gozlan, Möry, Dumas Sohn, Thüophile Gantier. Am Grabe sprachen Magnet, Jules Janin und Bataille. Auf dem ganzen Wege bis nach dem (israelitischen Theile) Pere Ia Chaise entblößte die Menge das Haupt, wo die Leiche der großen Schauspielerin vorüberkam." — Welch eine Zeit, wo . einer Schauspielerin und Jüdin solch ein Begräbniß gehalten wird, und welche geistige Kraft mußte in diesem schwachen Weibe vorhanden sein, um auch nach dem Tode noch die bedeutendsten Männer und eine ungeheure Menschenmenge zu versammeln! Daß bei dieser Gelegenheit die Blätter und Blättchen im In- und Auslande zahllose Verkehrtheiten und Albernheiten zum Vorschein brachten, daß namentlich die Pariser Korrespondenten der deutschen Zeitungen viele tiefsinnige und erhabene Bemerkungen auflischten, setzt ein Jeder voraus, um so mehr, da Europa, Gott sei Dank, weder in diplomatische, noch militärische Kriege verwickelt ist. Daß dabei die Confession der Rachel nicht vergessen worden, auch das läßt sich leicht von selbst construiren. Aber es wäre eben so kleinlich, diese Eintagsfliegen todtschlagen zu wollen. Jndeß wollen wir folgende Bemerkung nicht unterdrücken, weil sie in ein tieferes Moment mündet. In einem kurzen, aber schön geschriebenen Artikel der „Augsb. Allg. Zeit." vom 16. Januar wird ausgeführt, wie die Rachel durchaus nicht Vertreterin der französischen Tragödie gewesen, vielmehr der antiken, die erstere habe ihr nur als Mittel gedient. Es heißt da: „Wie der rauhe Block pendelischen Marmors unter dem Meißel des Prariteles sich in ewig schöne Formen gestaltete, so verwandelte sich die kalte Hoftragödie Ludwigs XIV. bei der Diction ihrer metallenen Stimme, durch die plastische Bewegung ihrer Hand in die ergreifendsten statuarischen Gebilde menschlicher Leidenschaften." Wir halten dies für eine Uebertreibung; aus dem Marmorblock kann eben so gut ein lachender Faun, wie eine meviceische Venus ge^ meißelt werden, wozu wahrlich nicht die Tragödien Corneille's und Racine's geeignet sind. Wenn der Dichter die Situationen und das Wort darbietet, so vermag der Acteur zwar kräftigeres und schwächeres Leben, stärkere oder mäßigere Leidenschaft hineinzubringen, aber Anregung, Motiv und Form hat ihm der Dichter geliefert. Warum aber der geistreiche Verfasser jenes Artikels so weit gegangen, wird uns klar, wenn wir sein eigentliches Ziel ins Auge fassen. Er will die Rachel nicht blos von der französischen Tragödie loslösen, sondern auch von der französischen Nation, er will mit einem Worte sie lediglich als ein jüdisches Naturell, als eine jüdische Nationalität hinstellen. Wir müssen aber, wenn wir seine Voraussetzung als falsch und übertrieben erkannt haben, auch gegen seine Folgerung Verdacht schöpfen. Er sagt: „Mit ihrem Charakter, mit ihrem Fühlen und Denken stand sie außerhalb ihres Geschlechts, durch ihre Nationalität außerhalb der Gesellschaft und der Geschichte; frühes Elend und plötzlicher Uelerfluß haben ihr die ruhige Freudigkeit des Genießens unmöglich gemacht. Uns ist immer gewesen, als sei das Leben und die Kunst der Rachel mit dem Geschick ihres Volkes durch färbt, als hörten wir in jedem Laut ihrer Stimme etwas von der Klage der unstäten, ewig wandernden Töchter Juda's" — und endet: „So ist die Rachel in der Kunst wie im Leben heimathlos gewesen, ohne Heimath geblieben — wir wünschen ihr, daß sie jetzt eine gefunden hat." — Was doch die Herren für einen Begriff von den „Töchtern Juda's" haben, und von den Juden überhaupt! Das Bild der Heimathlosen, in der Irre umher Wandernden hat für die Romantiker eine ewige Anziehung! Dann aber, geehrte Herren, müsset Ihr zu den Zigeunern gehen, und diese als den Typus Eurer romaurischeu Sehnsucht betrachten. Die Juven waren niemals ein wanderndes Volk, sind niemals in der Irre umhergezogen; schon in der Wüste waren die vierzig Jahre nicht nach ihrem Geschmack und sie sind auch nicht vom Kaukasus

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