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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-01-25 · Heft 5 (25.1.1858) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 5 (25.1.1858)
Date
1858-01-25
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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62 dem Vorurtheile, daß Juden besonders geeignet seien, Vorzügliches zu leisten, wenigstens giebt die Beflissenheit an manchen Orten, die jüdische Concurrenz da außzuschließen, wo man sie vom allgemeinen Standpunkte aus am ehesten herbeiwünschen sollte, Zeugniß über das Vorhandensein jenes Vorurrheils. Ist also dieser Beweis geführt, als Factum allgemein anerkannt, so erscheint es uns als pure Eitelkeit, jeden Juden, der sich irgendwie auszeichnet, Schritt vor Schritt zu verfolgen. Wir können uns denken, daß es noch immer von Bedeutung ist, die Auszeichnungen, welche Juden in Staats- und städtischen Aemtern erwerben, welche sie in Künsten, die von Juden noch wenig geübt worden, z. B. die Architektonik, verdienen, unsrerseits noch hervorheben, weil ihnen an vielen Orten jene noch streitig gemacht werden, daß wir die Fortschritte unsrer Glaubensgenossen im. gewerblichen Wesen registriren, um auch hierin theils das Vorurtheil zu bekämpfen, theils um auf die weitere Entwickelung zu wirken. Hiernrit wäre es aber zu Ende, und wir wüßten nicht, was uns alle diese Herren und Damen besonders interessirten. Denn es kommt hinzu, daß die ungeheure Mehrzahl dieser Künstler und Künstlerinnen eine so religionslose Richtung eingeschlagen, sich gegen die Religion, in welcher sie geboren und erzogen (?) worden, so undankbar benimmt, und sie so völlig verläugnet, daß das Glaubensbekenntniß, welchem sie angehören, nur entweder wenn sie in Dürftigkeit gerathen, oder bei ihrem Tode zum Vorschein kömmt. Das Letztere war auch bei der Rachel der Fall. Nachdem sie so oft katholisch gesagt worden, hat sie in ihren letzten Lebensmomenten den Beistand des Oberrabbinen zu Nizza — sie starb in der Nähe dieser Stadt, in Cannes — angcrusen, und ist zu Paris auf dem israelitischen Gottesacker nach unsrem Ritus und unter Mitwirkung des Großrabbineu von Paris begraben worden. Wir überlassen es Anderen, über die Rückkehr eines der Religion entfremdeten Menschen in der Angst der Todesstunde einen Triumphruf anzustimmen. Wir halten es höchstens für bedeutend, als Beispiel für Andere ihrer Art, und als Zeugniß für die überlebenden Verwandten der Rachel. Von der anderen Seite bietet jedoch das Begräbniß dieser großen Künstlerin ein interessantes Moment. Paris zeigt uns bei diesem einmal wieder das Schauspiel, wie die geistigen Verdienste in Frankreich anerkannt werden, und wie, trotz den unsauberen Beschimpfungen, welche sich neuerdings eine gewisse Sorte französischer Pamphletisten auf die Juden erlauben, und trotz den Anstrengungen des Univers und seiner Parteigänger, die Akatholiken aus ihren Rechten und Stellungen zu verdrängen, die Würdigung aller Verdienste, ohne Unterschied der Confession, bei den Franzosen heimisch ist. Wir geben daher hier den Bericht, welche die „Augsb. Allg. Zeit." aus den französischen Blättern vom 1l. Januar bringt. „Den Blättern nach zu schließen, die fast lediglich mit Nachrichten vom Ausland gefüllt sind, war Paris heute nur von dem einen Gefühle bewegt, daß es der Begräb'- nißtag der Rachel sei. Allgemein scheint die Ueberzeugung Platz zu greifen, daß mit ihr die französische Tragödie eingesargt ist. Das lüeäwe francais ist fast verwaist; Keine der ihm angehörenden Künstlerinnen wird wagen, das Erbe der Rachel anzutreten; sie hat ihre Rollen mit ins Grab genommen. Welche Frau der Welt, so reich und vornehm sie sein mag, hat ein Leben genossen, das mit dem zu vergleichen, welches jetzt abgeschlossen? Welcher Sprung zwischen der Erlstenz des armen, frierenden, heimathlosen Judenmävchens, die das trockene Brot sich als Bänkelsängerin in den Cafsö erwarb, und der mit Glanz und Pracht jeder Art umgebenen Societaire deS lüeätre franrais, der Paris, der ganz Frankreich bewundernd zu Füßen lag! Zwanzig Jahre beherrschte die Rachel unbedingt die erste Bühne der Welt, und bewegte die Herzen von Tausenden, die bebten beim Klang ihrer Stimme und unterm Blitz ihres Auges. Sie besaß eine wahrhaft dämonische Macht über die Gemüther der Zuschauer. Wie einseitig und grell oft ihre Darstellung sein mochte, für den Augenblick beugte sich jede Kritik vor der Gewalt ihres Genies. Die Erinnerung an diese Gewalt ist es, die aus jedem der Nachrufe tönt, welche die Pariser Blätter veröffentlichen. Sie fühlen Alle, daß der'Verlust, den die so schon verarmte Kunst erlitten, unersetzlich ist; sie fühlen, daß nur die Rachel es vermochte, die Schatten des großen Jahrhunderts wieder zu erwecken, die seit Talma schlafen gegangen, jenes Jahrhunderts, das sie selbst als die Culmination des französischen Geistes bezeichnen.» Die ,,L. 8." bringt folgenden Bericht von der Beerdigung „der Letzten ihres Geschlechts": Um 11 Uhr war die klaee royale und seine Zugänge mit 30 bis 40,000 Menschen bedeckt, während eine ungeheure Menge auf dem Bastillenplatz, der Rue de la Roquette und dem köre la Chaise zu strömte. Im Sterbehause hatten sich gleichzeitig Freunde und Theilnehmende versammelt: der Staatsminister, die Mitglieder des französischen Theaters, Mitglieder der Akademie, alle Notabilitäten der Literatur und Journalistik, der Künste, die ersten

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