Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 5 (25.1.1858)
- Date
- 1858-01-25
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
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61 gung durch den Verstand, ste will eine freiere Bewegung, Mannigfaltigkeit und Abwechslung, Frische und Vielseitigkeit. Und hierin begegnet sie gerade dem jüdischen Geiste, der nach beiden Seiten hin, nach der Verstandes- und der Gefühlsseite beschäftigt, angeregt, erfaßt sein will, der bei einer lebhaften Gefühlsweise doch auch Verstandesschärfe besitzt und an beiden Enden beregt und ergriffen zu werden wünscht. Es ist daher Bedürfniß, neben die Predigt eine andere Vortragsweise zu stellen, um der jüdischen Kanzel ein lebendigeres Interesse, die Befriedigung eines vielseitigeren Bedürfnisses, eine nachhaltige Macht nach allen Seiten hin zu schaffen. Soll aber die Draschah hierzu geeignet sein, nicht etwa als eine Uebergangsform an Plätzen, wo man an einem regelmäßigen Vortrag noch keinen Geschmack hat, sondern zu allgemeinem und dauerndem Gebrauche, so kommt Alles darauf an, ihre eigentliche Grundform zu suchen, ihr in ihrem Wesen begründetes Gerüste aufzuschlagen, um dann dieses weiterer Bearbeitung und Gestaltung zu überlassen. Jeder Erfahrene weiß, von welcher Wichtigkeit es ist, daß die einfache Grundform dem Geiste klar vorschwebe, wenn er im Begriffe steht, einen Gegenstand in die passende Gestalt schöpferisch zu bringen. Da wir es lieben, nicht lange bei der Abstraction stehen zu bleiben, sondern diese möglichst bald zu einer gewissen Verwirklichung zu bringen: so gaben wir in dem oben gegebenen Vortrage unsre Ansicht zu verkörpern. Wir haben absichtlich dabei die einfachste Form gewählt und alle weitere Ausschmückung vermieden, um so mehr, da wir bei Vorträgen in den Wintermonaten in dem großen, kalten Gotteshause möglichster Kürze uns befleißigen, und den Raum von ungefähr 25 Minuten nicht gern überschreiten. Während also die Predigt entweder einen %at an ihre Spitze stellt, und dessen Erläuterung in ihren Theilen und Momenten giebt, oder eine bestimmte Lehre ausspricht, deren Inhalt .sie erörtert, ist der Gegenstand der Draschah eine Frage aus d.em religiösen und sittlichen Gebiete, welche in ganz entgegengesetzter Weise beantwortet werden kann und wird, zwei verschiedene Meinungen, die gegen einander ausgewogen und entschieden werden sollen. Die Frage wird, irgendwie eingeleitet, formulirt, die entgegengesetzten Ansichten gegenübergestellt und für beide Stellen aus der Schrift oder Aussprüche unsrer Weisen, welche Belege für beide zu geben scheinen, angeführt. An diese Einleitung lehnt sich nun zuerst die Erörterung und Beweisführung für die eine Ansicht; ihr folgt die Erörterung und Beweisführung der zweiten Ansicht, welche zugleich die Gegengründe für die erstere enthält; hieraus ergiebt sich die Schlußfolgerung, welche durch einen bestimmten Tert gekrönt wird, und an die sich eine kurze Ansprache, Mahnung, Anwendung schließt. Die einfache Form besteht also in einer lnti-oduetio, einer Thesis und Antithesis, einer Conclusio und Peroratio. Wir können sagen, daß der praktische Erfolg ein sehr günstiger war; ohne daß es wahrscheinlich der großen Mehrzahl der Zuhörer bewußt war, worin der Unterschied bestand, machte es sich ihnen doch deutlich, daß Form und Behandlung eine andere, wie die gewöhnliche war, und zwar eine des Gegenstandes und des Ortes würdige. Man sieht leicht ein, daß diese Form die Gelegenheit und das Mittel gewährt, die größten religiösen Streitfragen in klarer und erschöpfender Weise zu behandeln, während die Predigt, da sie ihren Gegenstand nur in thetischer Weise besprechen kann, nur gelegentliche und aphoristische Bekämpfung der entgegengesetzten Meinung zulassen kann. Wir glauben daher, daß es von Wichtigkeit sei, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, und die Sache weiterer Bearbeitung zu übergeben. Der Tod der Rachel. Der Tod dieser dramatischen Künstlerin hat die allgemeinste Theilnahme erweckt; er wurde durch Telegramme allen Theilen der Welt bekannt gemacht, und die Presse beeilte sich, das Publikum mit Artikeln, Biographien, Anekvoten, Kritiken zu überfluthen. In kurzer Zeit ^virv freilich diese Fluth sich verlaufen haben; die Tovte wird noch ein Jahrzehend im Herzen einiger Freunde, in der Erinnerung Derer, welche ihr geniales Spiel zu bewundern Gelegenheit gehabt, leben; und dann wird ihr einsames Grab auf dem jüdischen Gottesacker am Pere la Chaise so vergessen sein, wie die anderen Gräber alle, denn — „vergänglich ist des Mimen Kunst." Die „Allg. Zeit. d. Jud.". hat es seit sehr langer Zeit aufgegeben, der Künstler in ihren Spalten zu erwähnen, welche von jüdischen Eltern geboren sind. Es war eine Zeit, wo man den Vorurtheilen der Welt beweisen mußte, daß der jüdische Stamm Leben genug besitzt, um kräftige Schößlinge für alle Atmosphären des Lebens zu treiben daß es kein Amt, kein Gewerbe, keine Wissenschaft und Kunst giebt, in welchen nicht Juden Bedeutendes zu leisten vermögen und leisten. Dieser Beweis ist längst geführt; Jedermann weiß es; Viele beehren uns sogar mit